Übersicht/Glutathion/Studie

Studie · Humanstudie (RCT)

Neuroprotektive Wirkung von reduziertem Glutathion bei Oxaliplatin-basierter Chemotherapie bei fortgeschrittenem Darmkrebs: eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie

Neuroprotective effect of reduced glutathione on oxaliplatin-based chemotherapy in advanced colorectal cancer: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial

Humanstudie (RCT)

Stärkste Evidenzstufe hier

Autoren
Cascinu S, Catalano V, Cordella L, Labianca R, Giordani P, Baldelli AM, Beretta GD, Ubiali E, Catalano G
Jahr
2002
Journal
Journal of Clinical Oncology 20(16):3478-83
Modell / Stichprobe
n=52 Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem kolorektalem Karzinom unter zweiwöchentlicher Oxaliplatin-basierter Chemotherapie; Randomisierung in Glutathion- oder Placebo-Arm (Kochsalzlösung)
Dosis im Versuch
1.500 mg/m2 reduziertes Glutathion als 15-minütige intravenöse Infusion unmittelbar vor jeder Oxaliplatin-Gabe; Kontrollarm erhielt physiologische Kochsalzlösung. Behandlung über bis zu 12 Chemotherapiezyklen (kumulative Oxaliplatin-Dosis bis 1.200 mg/m2), also rund sechs Monate.
Quelle
PMID 12177109 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Untersucht wurde, ob intravenös verabreichtes reduziertes Glutathion die durch Oxaliplatin ausgelöste periphere Neuropathie verhindern kann. 52 Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem kolorektalem Karzinom erhielten randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert entweder 1.500 mg/m2 Glutathion als Kurzinfusion vor jeder Oxaliplatin-Gabe oder Kochsalzlösung. Klinisch-neurologische Untersuchungen und elektrophysiologische Messungen erfolgten zu Studienbeginn sowie nach vier, acht und zwölf Zyklen.

Im Glutathion-Arm traten seltener und schwächere Neuropathien auf. Besonders deutlich war der Unterschied bei den schwereren Formen: Nach acht Zyklen hatten nur 2 Patienten im Glutathion-Arm eine Neuropathie vom NCI-Grad 2 bis 4 gegenüber 11 im Placebo-Arm (p = 0,003); nach zwölf Zyklen waren es 3 versus 8 Patienten (p = 0,004). Die Nervenleitgeschwindigkeit des N. suralis verschlechterte sich im Placebo-Arm statistisch signifikant, im Glutathion-Arm dagegen nicht.

Entscheidend für die onkologische Sicherheit: Die Ansprechrate auf die Chemotherapie war in beiden Gruppen praktisch gleich (26,9 % unter Glutathion gegenüber 23,1 % unter Placebo). Glutathion schwächte die Wirksamkeit von Oxaliplatin in dieser Studie also nicht ab. Die Autoren werten Glutathion als vielversprechende Substanz zur Prophylaxe der Oxaliplatin-Neuropathie.

Kernergebnisse

  1. Nach 8 Zyklen: Neuropathie NCI-Grad 2-4 bei 2 von 21 auswertbaren Patienten im Glutathion-Arm gegenüber 11 im Placebo-Arm (p = 0,003).
  2. Nach 12 Zyklen: schwere Neurotoxizität (Grad 2-4) bei 3 Patienten unter Glutathion gegenüber 8 unter Placebo (p = 0,004).
  3. Nach 8 Zyklen hatten insgesamt 9 von 21 Patienten im Glutathion-Arm eine Neurotoxizität gegenüber 15 von 19 im Placebo-Arm.
  4. Elektrophysiologie: signifikante Verschlechterung der sensiblen Nervenleitung des N. suralis nur im Placebo-Arm, nicht unter Glutathion.
  5. Kein Wirksamkeitsverlust der Chemotherapie: Ansprechrate 26,9 % (Glutathion) versus 23,1 % (Placebo).
Limitationen

Sehr kleine Stichprobe (52 randomisiert, nach 8 Zyklen nur noch 40 auswertbar), monozentrisch-kleines Setting und daher begrenzte statistische Aussagekraft; durch die Drop-outs im Verlauf besteht ein Risiko für Selektionseffekte. Die Studie war nicht darauf ausgelegt, einen möglichen Einfluss auf Überleben oder Tumorkontrolle sicher auszuschliessen - die gleiche Ansprechrate ist nur ein orientierender Hinweis. Nachfolgende, größere Studien zu Antioxidantien bei Chemotherapie-induzierter Neuropathie fielen teils negativ aus, sodass der Befund von 2002 nicht als abschließend gesichert gilt. Angaben zu Sponsoring oder Interessenkonflikten sind dem PubMed-Eintrag nicht zu entnehmen.

Was heißt das praktisch

Die Studie betrifft ausschließlich hochdosiertes, intravenös verabreichtes Glutathion als Begleitmedikation zu einer Oxaliplatin-Chemotherapie unter ärztlicher Aufsicht - sie sagt nichts über orale Glutathion-Präparate oder eine Anwendung bei Gesunden aus. Wer eine Chemotherapie erhält, sollte Glutathion oder andere Antioxidantien in keinem Fall in Eigenregie einnehmen, sondern nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Onkologen.