Übersicht/Kisspeptin/Studie

Studie · Humanstudie (RCT)

Zweimal wöchentliche Gabe von Kisspeptin-54 über 8 Wochen stimuliert die Ausschüttung von Reproduktionshormonen bei Frauen mit hypothalamischer Amenorrhö

Twice-weekly administration of kisspeptin-54 for 8 weeks stimulates release of reproductive hormones in women with hypothalamic amenorrhea

Humanstudie (RCT)

Stärkste Evidenzstufe hier

Autoren
Jayasena CN, Nijher GMK, Abbara A, Murphy KG, Lim A, Patel D, Mehta A, Todd C, Donaldson M, Trew GH, Ghatei MA, Bloom SR, Dhillo WS
Jahr
2010
Journal
Clinical Pharmacology and Therapeutics 88(6):840-847
Modell / Stichprobe
Frauen mit hypothalamischer Amenorrhö (HA); genaue Fallzahlen der einzelnen Studienarme im öffentlich zugänglichen Abstract nicht angegeben
Dosis im Versuch
Kisspeptin-54 (KP-54) als Injektion, verglichen wurden ein zweimal tägliches und ein zweimal wöchentliches Schema; die Langzeitphase (zweimal wöchentlich vs. Kochsalzlösung) lief über 8 Wochen. Konkrete Dosisangaben (nmol/kg) und Applikationsweg sind im Abstract nicht spezifiziert und wurden nicht aus dem Volltext verifiziert.
Quelle
PMID 20980998 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die von der Imperial-College-Gruppe um Waljit Dhillo durchgeführte Studie untersuchte, ob sich die bekannte Tachyphylaxie (Wirkungsverlust) gegenüber Kisspeptin-54 durch ein selteneres Dosierungsintervall umgehen lässt. Hintergrund: Eine Einzelinjektion KP-54 stimuliert bei Frauen mit hypothalamischer Amenorrhö akut die Freisetzung von LH und FSH, bei zweimal täglicher Gabe geht dieser Effekt jedoch rasch verloren. Die Arbeit ist in PubMed als Randomized Controlled Trial und Comparative Study klassifiziert.

Drei Fragestellungen wurden bearbeitet: der zeitliche Verlauf der Desensibilisierung unter zweimal täglicher Gabe, der direkte Vergleich zweimal täglich versus zweimal wöchentlich sowie der Effekt einer achtwöchigen zweimal wöchentlichen Behandlung auf die Reproduktionshormone. Unter zweimal täglicher Gabe nahm die LH-Antwort allmählich ab, während die FSH-Antwort bereits ab Tag 2 nahezu vollständig erloschen war. Unter zweimal wöchentlicher Gabe trat lediglich eine partielle Desensibilisierung auf, also kein vollständiger Wirkungsverlust.

Nach 8 Wochen zweimal wöchentlicher KP-54-Injektionen waren die Reproduktionshormonspiegel gegenüber der Kochsalz-Behandlung signifikant erhöht. Unerwünschte Wirkungen wurden nicht beobachtet. Die Autoren ordnen die Arbeit ausdrücklich als pharmakologische Grundlagenstudie ein, nicht als Wirksamkeitsnachweis für einen klinischen Endpunkt: Ob es unter dieser Behandlung tatsächlich zu Ovulationen, Menstruationszyklen oder Schwangerschaften kam, wird im Abstract nicht berichtet.

Kernergebnisse

  1. Zweimal tägliche KP-54-Gabe führt zu vollständiger Toleranz: die FSH-Antwort war bereits ab Tag 2 nahezu aufgehoben, die LH-Antwort nahm allmählich ab.
  2. Zweimal wöchentliche Gabe erzeugte nur eine partielle Desensibilisierung, das heißt die Hormonantwort blieb über Wochen zumindest teilweise erhalten.
  3. Nach 8 Wochen zweimal wöchentlicher Behandlung lagen die Reproduktionshormonspiegel signifikant über denen unter Kochsalzlösung.
  4. Es wurden keine unerwünschten Wirkungen beobachtet.
  5. Klinische Endpunkte (Ovulation, Zykluswiederkehr, Schwangerschaft) werden im Abstract nicht berichtet; der Nachweis beschränkt sich auf Hormonspiegel.
Limitationen

Sehr kleine, hochselektierte Studienpopulation (Frauen mit hypothalamischer Amenorrhö); die exakten Fallzahlen, Dosen und Effektgrößen sind aus dem frei verfügbaren Abstract nicht ersichtlich, der Volltext ist kostenpflichtig und konnte hier nicht eingesehen werden. Es handelt sich um eine pharmakologische Mechanismusstudie mit Surrogat-Endpunkt (Hormonspiegel), nicht um eine Fertilitätsstudie mit harten Endpunkten. Die Beobachtungsdauer von 8 Wochen ist zu kurz, um zu beurteilen, ob die partielle Desensibilisierung bei längerer Anwendung fortschreitet. Aussagen zur Sicherheit beruhen auf einer sehr kleinen Stichprobe und einem kurzen Zeitraum. Die Übertragbarkeit auf Männer, auf gesunde Frauen oder auf nicht-hypothalamische Formen der Infertilität ist nicht gegeben. Finanzierung: Research Support, Non-U.S. Gov't (UK-Fördermittel, Imperial College London); Interessenkonflikte wurden aus der frei zugänglichen Quelle nicht verifiziert – die Gruppe verfolgt Kisspeptin seit Jahren als Therapieziel.

Was heißt das praktisch

Die Studie ist der zentrale Beleg dafür, dass Kisspeptin-54 bei häufiger Gabe seine Wirkung schnell verliert (Tachyphylaxie, FSH bereits ab Tag 2) und dass ein seltenes Dosierungsintervall diesen Effekt nur abmildert, nicht aufhebt. Wer über Kisspeptin nachdenkt, sollte daraus mitnehmen: Ein kontinuierlicher hormoneller Nutzen ist pharmakologisch nicht zu erwarten, und belegt sind bislang nur Hormonspiegel-Veränderungen in einer klinisch eng definierten Patientengruppe, keine Effekte auf Fertilität, Libido oder Wohlbefinden bei Gesunden.