Übersicht/PT-141 (Bremelanotid)/Studie

Studie · Humanstudie (RCT)

Randomisierte, placebokontrollierte Phase-I-Doppelblindstudie zur Sicherheit und Verträglichkeit von Bremelanotid bei gleichzeitiger Gabe von Ethanol bei gesunden männlichen und weiblichen Teilnehmern

Phase I Randomized Placebo-controlled, Double-blind Study of the Safety and Tolerability of Bremelanotide Coadministered With Ethanol in Healthy Male and Female Participants

Humanstudie (RCT)

Stärkste Evidenzstufe hier

Autoren
Clayton AH, Lucas J, DeRogatis LR, Jordan R
Jahr
2017
Journal
Clinical Therapeutics
Modell / Stichprobe
n=24 gesunde Erwachsene (12 Männer, 12 Frauen), Phase-I-Setting
Dosis im Versuch
20 mg Bremelanotid intranasal als Einmaldosis bzw. Placebo, jeweils mit oder ohne 0,6 g/kg Ethanol oral; randomisiertes, placebokontrolliertes, doppelblindes 3-Perioden-Cross-over-Design über einen Studienzeitraum von 7 Tagen
Quelle
PMID 28189361 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Diese Phase-I-Studie untersuchte, ob die gleichzeitige Einnahme von Alkohol und Bremelanotid (BMT) zu Sicherheitsproblemen oder pharmakokinetischen Wechselwirkungen führt. Hintergrund ist der Wirkmechanismus von BMT als synthetisches Analogon des α-Melanozyten-stimulierenden Hormons an Melanocortin-Rezeptoren: Melanocortin-Agonisten können den Blutdruck beeinflussen, Alkohol wirkt vasodilatatorisch und blutdrucksenkend, weshalb eine additive hypotensive Wirkung theoretisch denkbar war. 24 gesunde Probanden (je zur Hälfte Männer und Frauen) durchliefen ein doppelblindes, placebokontrolliertes Cross-over-Design mit drei Perioden und drei Behandlungssequenzen.

Das Ergebnis war durchweg ein Null-Befund im Sinne der Fragestellung: Es zeigten sich keine klinisch relevanten pharmakokinetischen Wechselwirkungen zwischen Ethanol und BMT, weder in der Gesamtgruppe noch getrennt nach Geschlecht. Es traten keine signifikanten arzneimittelbedingten hypotensiven oder orthostatisch-hypotensiven Effekte auf. Alle 24 Teilnehmer schlossen die Studie ab, es gab keine Studienabbrüche wegen unerwünschter Ereignisse und keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse. Körperliche Untersuchung, EKG und Laborwerte ergaben keine klinisch relevanten Veränderungen. Die mittleren maximalen Ethanolkonzentrationen lagen bei den Frauen über 80 mg/dl, die Alkoholexposition war also relevant und nicht bloß symbolisch.

Wichtig für die Einordnung: Geprüft wurde die intranasale Darreichungsform mit 20 mg Einzeldosis. Diese Formulierung wurde in der weiteren Entwicklung wegen Blutdruckanstiegen zugunsten der subkutanen Anwendung aufgegeben; das später zugelassene Präparat (Vyleesi) wird mit 1,75 mg subkutan dosiert. Die Studie sagt daher direkt nichts über die Alkoholverträglichkeit der heute gebräuchlichen subkutanen Anwendung aus, auch wenn die Autoren die Ergebnisse als Unterstützung der damals laufenden Phase-III-Studien werteten.

Kernergebnisse

  1. Alle 24 Teilnehmer (12 m, 12 w) schlossen die Studie ab; keine Abbrüche wegen unerwünschter Ereignisse, keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse.
  2. Keine klinisch signifikanten pharmakokinetischen Wechselwirkungen zwischen 20 mg intranasalem Bremelanotid und 0,6 g/kg Ethanol – weder insgesamt noch nach Geschlecht getrennt.
  3. Keine signifikanten arzneimittelbedingten hypotensiven oder orthostatisch-hypotensiven Effekte trotz der theoretisch additiven Blutdruckwirkung.
  4. Mittlere maximale Ethanolkonzentrationen bei Frauen über 80 mg/dl, d. h. die getestete Alkoholdosis lag im Bereich einer relevanten Berauschung.
  5. Körperliche Untersuchung, EKG und Laborparameter zeigten keine klinisch relevanten Veränderungen.
Limitationen

Sehr kleine Stichprobe (n=24) gesunder Probanden und nur eine Einmaldosis – seltene oder unter wiederholter Anwendung auftretende Effekte lassen sich damit nicht ausschließen; die statistische Aussagekraft für Sicherheitssignale ist entsprechend gering. Getestet wurde ausschließlich die intranasale 20-mg-Formulierung, die später wegen Blutdruckanstiegen zugunsten der subkutanen Anwendung (1,75 mg) verworfen wurde, was die Übertragbarkeit auf die heute übliche Applikationsform stark einschränkt. Untersucht wurden gesunde Personen ohne Begleitmedikation, nicht die eigentliche Zielgruppe (Frauen mit HSDD, oft mit Komorbiditäten oder Antihypertensiva). Die Studie ist eine Auftragsstudie der Herstellerentwicklung (Bremelanotid-Programm von Palatin Technologies); die Autorinnen und Autoren waren als Berater bzw. Mitarbeiter mit dem Sponsor verbunden, ein Interessenkonflikt ist also gegeben.

Was heißt das praktisch

Für Interessierte an PT-141 ist das der einzige kontrollierte Beleg dafür, dass moderater bis deutlicher Alkoholkonsum zusammen mit Bremelanotid in einem Phase-I-Setting keine Blutdruckabstürze oder relevanten Wechselwirkungen verursacht hat. Da aber nur die aufgegebene intranasale Hochdosis-Form über eine Einzelgabe an 24 Gesunden geprüft wurde, ist das eine schwache Entwarnung und kein Freibrief für die subkutane Anwendung in Kombination mit Alkohol.