Übersicht/MT-2 (Melanotan II)/Studie

Studie · Review / Meta-Analyse

Risiken der unregulierten Anwendung von Alpha-Melanozyten-stimulierenden Hormon-Analoga: eine Übersichtsarbeit

Risks of unregulated use of alpha-melanocyte-stimulating hormone analogues: a review

Review / Meta-Analyse

Zusammenfassung vorhandener Arbeiten

Autoren
Habbema L, Halk AB, Neumann M, Bergman W
Jahr
2017
Journal
International Journal of Dermatology 56(10):975-980
Modell / Stichprobe
Narrative Übersichtsarbeit über publizierte Fallberichte und Fallserien zu Melanotan I (Afamelanotid) und Melanotan II beim Menschen; keine eigene Stichprobe, keine quantitative Metaanalyse
Dosis im Versuch
Keine standardisierte Dosis. Die ausgewerteten Fälle betreffen unregulierte, meist über das Internet bezogene Präparate, die von Anwendern selbst subkutan injiziert (teilweise auch nasal appliziert) wurden. Zusammensetzung, Reinheit, Dosis und Anwendungsdauer waren in den Fällen überwiegend unbekannt oder nicht überprüfbar. Als Kontrast dient das regulär zugelassene Afamelanotid (Melanotan I) als subkutanes Implantat unter ärztlicher Kontrolle.
Quelle
PMID 28266027 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die Arbeit ist eine narrative Übersichtsarbeit niederländischer Dermatologen, die die publizierte Evidenz zu synthetischen Alpha-MSH-Analoga zusammenfasst. Unterschieden wird zwischen Afamelanotid (Melanotan I), das für eng begrenzte medizinische Indikationen (v. a. erythropoetische Protoporphyrie) zugelassen ist und unter ärztlicher Aufsicht als Implantat verabreicht wird, und den unregulierten, über Internetquellen vertriebenen Präparaten Melanotan I und II, die vor allem zur Bräunung, teils auch wegen der appetitzügelnden und erektionsfördernden Effekte eingesetzt werden.

Die Autoren argumentieren, dass die unregulierte Anwendung aus mehreren Gründen risikobehaftet ist: unklare Herstellung und Reinheit der Produkte, unklare Zusammensetzung, unsterile Eigeninjektion sowie fehlende Dosiskontrolle. Auf der biologischen Ebene wird angeführt, dass Alpha-MSH-Analoga über den Melanocortin-1-Rezeptor Melanozyten stimulieren; eine Proliferation und Aktivierung von Nävuszellen sei damit plausibel.

Als klinische Evidenz führt der Review eine zunehmende Zahl von Fallberichten an, in denen die Anwendung von Melanotan I und II mit kutanen Komplikationen einherging, insbesondere mit Veränderungen bestehender melanozytärer Nävi (Dunklerwerden, Größenzunahme, Auftreten neuer Nävi, eruptive dysplastische Nävi). In vier Fallberichten wurde ein Melanom beschrieben, das während oder kurz nach der Melanotan-Anwendung aus einem bestehenden Nävus hervorging. Die Autoren betonen, dass daraus kein Kausalnachweis folgt, verweisen aber auf Warnungen mehrerer nationaler Gesundheitsbehörden und schließen, dass die Sicherheit unregulierter Melanotane nicht belegt ist und von ihrer Anwendung abzuraten ist.

Kernergebnisse

  1. Eine zunehmende Zahl von Fallberichten verknüpft die unregulierte Anwendung von Melanotan I und II mit kutanen Komplikationen, vor allem mit melanozytären Veränderungen an bestehenden Nävi (Verdunkelung, Größenzunahme, neue bzw. eruptive dysplastische Nävi).
  2. Vier Fallberichte beschreiben Melanome, die während oder kurz nach der Melanotan-Anwendung aus vorbestehenden Nävi entstanden.
  3. Die Risiken werden nicht nur der Substanz selbst zugeschrieben, sondern auch der unkontrollierten Herstellung, unbekannten Reinheit/Zusammensetzung, der Selbstinjektion und der fehlenden Dosiskontrolle.
  4. Nur Afamelanotid (Melanotan I) ist als Alpha-MSH-Analogon für eng begrenzte Indikationen unter ärztlicher Kontrolle zugelassen; Melanotan II hat keinerlei Zulassung.
  5. Mehrere Gesundheitsbehörden haben wegen unzureichender Sicherheitsdaten offizielle Warnungen zu Melanotan herausgegeben; ein kausaler Zusammenhang mit Melanomen ist aus der vorliegenden Evidenz jedoch nicht belegt.
Limitationen

Es handelt sich um eine narrative Übersichtsarbeit ohne systematische Suchstrategie, ohne Qualitätsbewertung der eingeschlossenen Arbeiten und ohne quantitative Auswertung. Die Evidenzbasis besteht fast ausschließlich aus Fallberichten und kleinen Fallserien, die anfällig für Publikations- und Meldebias sind: Ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Anwendung und Nävusveränderung oder Melanom belegt keine Kausalität, zumal die typischen Anwender (heller Hauttyp, ausgeprägter Wunsch nach Bräunung, häufig zusätzliche UV- und Solarienexposition) ohnehin ein erhöhtes Melanomrisiko tragen. Da die verwendeten Produkte aus dem Graumarkt stammen, sind Substanzidentität, Dosis, Reinheit und Begleitstoffe unbekannt, sodass Effekte der Substanz nicht von Effekten der Verunreinigungen oder der unsterilen Applikation getrennt werden können. Angaben zu Sponsoring oder Interessenkonflikten der Autoren sind im Abstract nicht enthalten; die Arbeit stammt aus einem universitären dermatologischen Umfeld.

Was heißt das praktisch

Für Interessenten an MT-2 ist das die derzeit meistzitierte dermatologische Sicherheitsübersicht: Sie liefert keinen Wirksamkeitsnachweis, sondern dokumentiert Signale für Nävusveränderungen und Einzelfälle von Melanomen unter Anwendung. Wer MT-2 dennoch erwägt, sollte wissen, dass es sich um ein nicht zugelassenes Graumarktprodukt unbekannter Reinheit handelt und dass regelmäßige dermatologische Hautkrebsvorsorge das Mindeste an Risikomanagement wäre.