Übersicht/PT-141 (Bremelanotid)/Studie

Studie · Humanstudie (RCT)

Responder-Analysen aus einer Phase-2b-Dosisfindungsstudie zu Bremelanotid

Responder Analyses from a Phase 2b Dose-Ranging Study of Bremelanotide

Humanstudie (RCT)

Stärkste Evidenzstufe hier

Autoren
Althof S, Derogatis LR, Greenberg S, Clayton AH, Jordan R, Lucas J, Spana C
Jahr
2019
Journal
The Journal of Sexual Medicine
Modell / Stichprobe
Sekundäranalyse der Phase-2b-Dosisfindungsstudie (Clayton et al. 2016, PMID 27181790): prämenopausale Frauen mit HSDD, FSAD oder gemischtem HSDD/FSAD; n=327 in der Wirksamkeitsauswertung. Präspezifizierte Gruppen: alle FSD-Diagnosen, HSDD allein, FSAD allein plus gemischt HSDD/FSAD.
Dosis im Versuch
Bremelanotid 0,75 / 1,25 / 1,75 mg, subkutan, nach Bedarf selbst appliziert vor sexueller Aktivität, gegenüber Placebo; 12-wöchige doppelblinde Kernphase nach einer einfachblinden Placebo-Vorlaufphase. Die Responder-Auswertung fokussiert auf die 1,75-mg-Dosis.
Quelle
PMID 31277966 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die Arbeit ist keine neue klinische Prüfung, sondern eine methodische Nachauswertung der bereits abgeschlossenen Phase-2b-Dosisfindungsstudie zu Bremelanotid bei prämenopausalen Frauen mit vermindertem sexuellem Verlangen (HSDD) bzw. gemischter HSDD/Erregungsstörung (FSAD). Ziel war es, für patientenberichtete Fragebogenwerte eine minimale klinisch bedeutsame Differenz (MCID) zu definieren und damit festzulegen, ab wann eine Veränderung überhaupt als "Ansprechen" gilt. Ausgewertet wurden sieben Endpunkte, darunter die Desire-Domäne des Female Sexual Function Index, der Gesamtscore der Female Sexual Distress Scale-Desire/Arousal/Orgasm (FSDS-DAO), deren Items 13 und 14 sowie die Zahl befriedigender sexueller Ereignisse.

Vier Verfahren kamen zum Einsatz: eine geplante Analyse mit MCIDs aus Experteneinschätzungen (historische Anker), post-hoc-Analysen anhand des selbstberichteten globalen Nutzens, ROC-Kurven und kumulative Verteilungsfunktionen. Die aus den ROC-Kurven abgeleiteten Schwellenwerte deckten sich mit den Experteneinschätzungen. Für alle sieben Endpunkte erreichten die Responder-Raten unter 1,75 mg in der gesamten modifizierten Intention-to-treat-Population statistische Signifikanz gegenüber Placebo (p ≤ 0,03).

Die Autoren schließen daraus, dass Bremelanotid in der Phase-2b-Studie sicher und gut verträglich war und eine signifikante Verbesserung gegenüber Placebo zeigte. Die hier entwickelten Responder-Definitionen wurden anschließend als Grundlage für die Zulassungsstudien der Phase 3 (RECONNECT, 1,75 mg subkutan bei HSDD) verwendet. Einschränkend ist festzuhalten, dass die Abstract-Angaben zu den niedrigeren Dosierungen (0,75 und 1,25 mg) keine entsprechenden Signifikanzaussagen enthalten – belegt ist die durchgängige Überlegenheit nur für 1,75 mg. Auch die Effektgröße der zugrunde liegenden Originalstudie war moderat: dort verbesserten sich die befriedigenden sexuellen Ereignisse pro Monat unter gepoolt 1,25/1,75 mg um +0,7 gegenüber +0,2 unter Placebo (p = 0,0180).

Kernergebnisse

  1. Für alle 7 patientenberichteten Endpunkte war die Responder-Rate unter Bremelanotid 1,75 mg s.c. in der modifizierten ITT-Population signifikant höher als unter Placebo (p ≤ 0,03).
  2. Die per ROC-Kurve empirisch bestimmten MCIDs (FSFI-Desire, FSDS-DAO Gesamtscore, FSDS-DAO Item 13 und 14, Zahl befriedigender sexueller Ereignisse) stimmten mit den unabhängig von Experten geschätzten Schwellenwerten überein.
  3. Die Wirkung wurde in drei präspezifizierten Gruppen geprüft (alle FSD-Diagnosen, HSDD allein, FSAD allein plus gemischt HSDD/FSAD); durchgängige Signifikanz wird im Abstract nur für die Gesamtpopulation unter 1,75 mg berichtet.
  4. Zu den niedrigeren Dosen 0,75 und 1,25 mg werden im Abstract keine signifikanten Responder-Ergebnisse berichtet – ein Hinweis auf eine Dosis-Wirkungs-Schwelle.
  5. In der zugrunde liegenden Phase-2b-Studie (n=327) betrug der Zugewinn bei befriedigenden sexuellen Ereignissen unter gepoolt 1,25/1,75 mg +0,7 pro Monat vs. +0,2 unter Placebo (p = 0,0180) – statistisch signifikant, aber klein im Absolutbetrag.
  6. Die hier definierten Responder-Kriterien wurden anschließend für die Phase-3-Zulassungsstudien RECONNECT (1,75 mg s.c.) übernommen.
Limitationen

Es handelt sich um eine teils post-hoc durchgeführte Sekundäranalyse derselben Datenbasis, aus der die Schwellenwerte abgeleitet wurden – Definition und Prüfung des Ansprechens erfolgen also nicht unabhängig voneinander, was die Ergebnisse tendenziell begünstigt. Die MCIDs beruhen auf Veränderungen ab einer einfachblinden Vorlaufphase, um Placeböffekte herauszurechnen; dieses Vorgehen ist methodisch angreifbar. Die Population war eng: ausschließlich prämenopausale Frauen mit klinisch diagnostizierter HSDD und/oder FSAD, weshalb eine Übertragung auf Männer, postmenopausale Frauen oder Personen ohne klinische Diagnose nicht belegt ist. Die Endpunkte sind vollständig subjektiv (Fragebögen, Selbstauskunft). Die Studie wurde vom Hersteller Palatin Technologies getragen; mehrere Autoren (Spana, Jordan, Lucas, Greenberg) sind dem Sponsor bzw. AMAG zuzuordnen, weitere Autoren berichten Beraterhonorare – ein erheblicher Interessenkonflikt. Zur Verträglichkeit macht das Abstract nur eine pauschale Aussage; die aus anderen Bremelanotid-Studien bekannten Nebenwirkungen (Übelkeit, Flush, Kopfschmerz, Blutdruckanstieg) werden hier nicht quantifiziert.

Was heißt das praktisch

Die Analyse stützt die Dosis 1,75 mg subkutan als die einzige, für die ein durchgängig über Placebo hinausgehendes Ansprechen belegt ist – niedrigere Dosen zeigten das nicht. Wer über PT-141 nachdenkt, sollte allerdings beachten, dass die absoluten Effekte klein sind (rund ein halbes zusätzliches befriedigendes sexuelles Ereignis pro Monat), dass die Datenlage sich auf prämenopausale Frauen mit diagnostizierter HSDD beschränkt und dass die Auswertung vom Hersteller finanziert wurde.