Übersicht/PT-141 (Bremelanotid)/Studie

Studie · Humanstudie (RCT)

Bremelanotid zur Behandlung der Störung mit verminderter sexueller Appetenz: zwei randomisierte Phase-3-Studien

Bremelanotide for the Treatment of Hypoactive Sexual Desire Disorder: Two Randomized Phase 3 Trials

Humanstudie (RCT)

Stärkste Evidenzstufe hier

Autoren
Kingsberg SA, Clayton AH, Portman D, Williams LA, Krop J, Jordan R, Lucas J, Simon JA
Jahr
2019
Journal
Obstetrics & Gynecology 134(5):899-908
Modell / Stichprobe
n=1.267 randomisierte prämenopausale Frauen mit Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD); 1.247 in der Sicherheits-, 1.202 in der Wirksamkeitspopulation (modified intent-to-treat). Mittleres Alter 39 Jahre, 85,6 % weiß, 96,6 % aus US-Zentren.
Dosis im Versuch
Bremelanotid 1,75 mg subkutan, Anwendung nach Bedarf ("as needed") vor sexueller Aktivität, gegenüber Placebo; Behandlungsdauer 24 Wochen. Randomisierung 1:1, doppelblind, multizentrisch (RECONNECT-Studien 301 und 302).
Quelle
PMID 31599840 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die beiden identisch angelegten Phase-3-Studien RECONNECT (301 und 302) prüften Bremelanotid (PT-141) bei prämenopausalen Frauen mit HSDD. Insgesamt 1.267 Frauen wurden doppelblind und placebokontrolliert über 24 Wochen behandelt; die Substanz wurde bedarfsweise als subkutane Injektion von 1,75 mg angewendet. Ko-primäre Endpunkte waren die Veränderung im Desire-Domänen-Score des Female Sexual Function Index (FSFI-D) sowie in Item 13 der Female Sexual Distress Scale-Desire/Arousal/Orgasm (FSDS-DAO), jeweils von Baseline bis Studienende.

Beide Endpunkte wurden formal erreicht. Das sexuelle Verlangen stieg unter Bremelanotid gegenüber Placebo an (Studie 301: +0,30; Studie 302: +0,42; integriert +0,35; jeweils p<0,001), der Leidensdruck durch das verminderte Verlangen nahm ab (Studie 301: -0,37, p<0,001; Studie 302: -0,29, p=0,005; integriert -0,33, p<0,001). Diese Differenzen sind statistisch signifikant, aber in absoluter Höhe klein: Der FSFI-Desire-Score reicht von 1,2 bis 6,0, die FSDS-DAO-Items von 0 bis 4. Die klinische Bedeutsamkeit einer Veränderung von rund einem Drittel Skalenpunkt ist entsprechend umstritten.

Die Verträglichkeit war der wesentliche Schwachpunkt: Übelkeit, Flush und Kopfschmerzen traten in beiden Studien bei jeweils mindestens 10 % der Verumpatientinnen und deutlich häufiger als unter Placebo auf. Die Autoren stufen das Sicherheitsprofil dennoch als günstig ein, da die meisten unerwünschten Ereignisse Verträglichkeitsprobleme leichter bis mittlerer Ausprägung waren. Auf Basis dieser Daten wurde Bremelanotid 2019 in den USA als Vyleesi zugelassen.

Kernergebnisse

  1. Ko-primärer Endpunkt sexuelles Verlangen (FSFI-D): Vorteil gegenüber Placebo von +0,30 (Studie 301, p<0,001) bzw. +0,42 (Studie 302, p<0,001), integriert +0,35 (p<0,001) auf einer Skala von 1,2-6,0.
  2. Ko-primärer Endpunkt Leidensdruck (FSDS-DAO Item 13): -0,37 (301, p<0,001) bzw. -0,29 (302, p=0,005), integriert -0,33 (p<0,001) auf einer Skala von 0-4.
  3. Übelkeit, Flush und Kopfschmerz traten bei jeweils 10 % oder mehr der mit Bremelanotid behandelten Frauen auf und häufiger als unter Placebo.
  4. 1.267 Frauen randomisiert, 1.202 in der Wirksamkeitsanalyse - ein Verlust von rund 5 % gegenüber der Randomisierung, was auf relevante Abbrüche und fehlende Daten hinweist.
  5. Die Stichprobe war wenig divers: 85,6 % weiß, 96,6 % US-Zentren, Durchschnittsalter 39 Jahre; ausschließlich prämenopausale Frauen.
Limitationen

Die Effektstärken sind trotz sehr klarer p-Werte klein und liegen im Bereich weniger Zehntel Skalenpunkte; bei einer Stichprobe von über 1.200 Teilnehmerinnen ist statistische Signifikanz kein Beleg für spürbaren Alltagsnutzen, und die Abstract-Angaben lassen keine Beurteilung der Responderraten oder patientenrelevanter Endpunkte wie der Zahl befriedigender sexueller Ereignisse zu. Die Erhebung erfolgte über Selbstauskunfts-Fragebögen; die auffälligen Nebenwirkungen (Übelkeit, Flush) können die Verblindung faktisch untergraben und den Placeboarm benachteiligen. Die Population war eng definiert (prämenopausal, überwiegend weiß, fast ausschließlich USA), sodass die Übertragbarkeit auf Männer, postmenopausale Frauen oder gesunde Anwender ohne HSDD-Diagnose nicht gegeben ist. Beide Studien wurden von Palatin Technologies und AMAG Pharmaceuticals finanziert, also den Herstellern; mehrere Autoren waren Firmenangestellte oder Berater. Die Beobachtungsdauer betrug nur 24 Wochen, Langzeitsicherheit (u. a. Blutdruck, Hyperpigmentierung) ist damit nicht abgedeckt.

Was heißt das praktisch

Dies ist die Zulassungsevidenz für PT-141 (Bremelanotid) und zeigt, dass die Substanz bei diagnostizierter HSDD prämenopausaler Frauen einen realen, aber im Mittel kleinen Effekt auf Verlangen und Leidensdruck hat, erkauft mit häufiger Übelkeit und Flush. Für Männer, für gesunde Anwender ohne sexuelle Funktionsstörung und für eine Anwendung über 24 Wochen hinaus liefert diese Studie keine Belege.