Übersicht/PT-141 (Bremelanotid)/Studie

Studie · Humanstudie

Langzeitsicherheit und -wirksamkeit von Bremelanotid bei Störung mit verminderter sexueller Appetenz (HSDD)

Long-Term Safety and Efficacy of Bremelanotide for Hypoactive Sexual Desire Disorder

Humanstudie

Am Menschen, aber ohne RCT-Design

Autoren
Simon JA, Kingsberg SA, Portman D, Williams LA, Krop J, Jordan R, Lucas J, Clayton AH
Jahr
2019
Journal
Obstetrics & Gynecology 134(5):909-917
Modell / Stichprobe
Offene 52-Wochen-Verlängerungsphase der beiden RECONNECT-Studien; von 856 nach der 24-wöchigen doppelblinden Kernphase geeigneten prämenopausalen Frauen mit HSDD traten 684 in die Extension ein, 272 schlossen sie ab
Dosis im Versuch
Bremelanotid 1,75 mg subkutan (Autoinjektor), bedarfsweise vor sexueller Aktivität; offene Extension über 52 Wochen im Anschluss an 24 Wochen doppelblinde Behandlung
Quelle
PMID 31599847 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die Arbeit berichtet die offene Verlängerungsphase der beiden zulassungsrelevanten Phase-3-Studien (RECONNECT) zu Bremelanotid (PT-141) bei prämenopausalen Frauen mit Störung mit verminderter sexueller Appetenz. Nach 24 Wochen doppelblinder Behandlung gegen Placebo konnten Teilnehmerinnen für weitere 52 Wochen offen Bremelanotid 1,75 mg subkutan bei Bedarf anwenden. Primäres Ziel war die Langzeitsicherheit; Wirksamkeit wurde ergänzend über die Desire-Domäne des Female Sexual Function Index (FSFI) und die Female Sexual Distress Scale (FSDS) erfasst.

Die Sicherheitsdaten zeigten keine neuen Signale gegenüber der Kernphase. Häufigste behandlungsbezogene Nebenwirkungen waren Übelkeit (40,4 %), Flush/Hitzegefühl (20,6 %) und Kopfschmerz (12,0 %); Übelkeit war das einzige schwere behandlungsbezogene Ereignis, das bei mehr als einer Teilnehmerin auftrat. Auffällig ist die sehr hohe Abbruchrate: von 684 eingeschlossenen Frauen beendeten nur 272 die Extension, also rund 60 % Abbruch beziehungsweise vorzeitiges Ausscheiden.

Wirksamkeitsseitig blieben die in der Kernphase erzielten Verbesserungen bei den zuvor mit Bremelanotid behandelten Frauen erhalten (FSFI-Desire etwa +1,25 bis +1,30 Punkte, FSDS-Belastung etwa 1,4 bis 1,7 Punkte Verbesserung). Frauen, die von Placebo auf Bremelanotid wechselten, zeigten geringere Zugewinne (etwa +0,70 bis +0,77 bzw. rund 0,9 Punkte). Da die Phase offen und ohne Kontrollgruppe war, lassen sich diese Veränderungen nicht sauber von Erwartungs- und Selektionseffekten trennen.

Kernergebnisse

  1. 684 von 856 geeigneten Frauen traten in die 52-wöchige offene Extension ein, nur 272 schlossen sie ab (etwa 60 % Abbruch)
  2. Häufigste behandlungsbezogene Nebenwirkungen: Übelkeit 40,4 %, Flush 20,6 %, Kopfschmerz 12,0 %
  3. Übelkeit war das einzige schwere behandlungsbezogene Ereignis bei mehr als einer Teilnehmerin; keine neuen Sicherheitssignale über 52 Wochen
  4. Fortgesetzte Bremelanotid-Anwenderinnen hielten Verbesserungen in FSFI-Desire (ca. +1,25 bis +1,30) und FSDS (ca. 1,4 bis 1,7 Punkte) aufrecht
  5. Von Placebo umgestellte Frauen erreichten nur kleinere Verbesserungen (FSFI-Desire ca. +0,70 bis +0,77; FSDS ca. 0,9)
Limitationen

Es handelt sich um eine offene, unverblindete Verlängerung ohne Placebo-Kontrolle; Wirksamkeitszahlen sind daher nur beschreibend und anfällig für Erwartungs- und Selektionseffekte. Die sehr hohe Abbruchrate (nur 272 von 684 beendeten die Phase) bedeutet, dass die Langzeitdaten überwiegend von einer selektierten Gruppe stammen, die das Präparat gut vertrug beziehungsweise davon profitierte; Verträglichkeit und Nutzen werden dadurch tendenziell zu günstig dargestellt. Die Effektgrößen sind auch bei den Fortsetzern klinisch moderat. Untersucht wurden ausschließlich prämenopausale Frauen mit diagnostizierter HSDD, sodass keine Aussagen für Männer, postmenopausale Frauen oder gesunde Anwender ohne Diagnose ableitbar sind. Die Studie wurde von den Herstellern Palatin Technologies und AMAG Pharmaceuticals finanziert, mehrere Autoren sind Beraterinnen und Berater beziehungsweise Angestellte der Sponsoren.

Was heißt das praktisch

Für jemanden, der PT-141 (Bremelanotid) erwägt, zeigt die Studie: Über bis zu 76 Wochen traten keine neuen Sicherheitssignale auf, aber Übelkeit betrifft rund 40 Prozent und Flush jede fünfte Person, und die Mehrheit brach die Langzeitanwendung ab. Der Nutzen bei diagnostizierter HSDD ist real, aber moderat und stammt aus einer unkontrollierten Phase einer herstellerfinanzierten Studie.