Übersicht/MT-2 (Melanotan II)/Studie

Studie · Humanstudie

Melanotan II: eine mögliche Ursache für einen Niereninfarkt – Literaturübersicht und Fallbericht

Melanotan II: a possible cause of renal infarction: review of the literature and case report

Humanstudie

Am Menschen, aber ohne RCT-Design

Autoren
Peters B, Hadimeri H, Wahlberg R, Afghahi H
Jahr
2020
Journal
CEN Case Reports 9(2):159-161
Modell / Stichprobe
Einzelfall: n=1, 45-jähriger kaukasischer Mann, zuvor gesund, ohne bekannte Thrombophilie oder Emboliequelle; zusätzlich narrative Literaturübersicht zu Melanotan-II-assoziierten Nierenschäden
Dosis im Versuch
Melanotan II subkutan, insgesamt 27 mg über etwa 6 Monate (2× 10 mg im Verlauf von 6 Monaten, danach 7 mg rund 3 Wochen vor der Klinikaufnahme). Bezug über einen illegalen Webshop, Anwendung zur Hautbräunung. Keine kontrollierte Dosierung, keine Qualitätsprüfung der Substanz.
Quelle
PMID 31953620 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Der Fallbericht beschreibt einen 45-jährigen Mann, der sich mit rechtsseitigen Bauchschmerzen, Erbrechen und vermehrtem Harndrang vorstellte und bei Wiedervorstellung Fieber (38,5 °C) entwickelte. Auffällig waren eine ausgeprägte Hautbräunung, Bluthochdruck (165/95 mmHg) und Hämoglobinurie im Teststreifen. Laborchemisch fanden sich ein deutlich erhöhtes CRP (152 mg/l), ein grenzwertig erhöhtes Serumkreatinin (102 µmol/l) sowie erhöhte Leberenzyme (AST 1,96 µkat/l, ALT 1,23 µkat/l). Die Gerinnungsdiagnostik war unauffällig.

Die Computertomographie zeigte einen Niereninfarkt rechts mit vermindertem Kontrastmittel-Enhancement in etwa 50 % des Organs und geringem umgebendem Ödem. Nierenarterien waren regelrecht, Steine, Hydronephrose und eine kardiale oder sonstige Emboliequelle wurden nicht gefunden. Nach Ausschluss der üblichen Ursachen führten die Autoren den Infarkt auf die selbst injizierte Melanotan-II-Anwendung zurück. Behandelt wurde mit niedermolekularem Heparin, wegen des anhaltenden Bluthochdrucks kam ein ACE-Hemmer hinzu. Zwei Monate später bestand eine leicht eingeschränkte Nierenfunktion (eGFR 81 ml/min/1,73 m²), also ein bleibender, wenn auch moderater Funktionsverlust.

Als Mechanismen diskutieren die Autoren einen thrombogenen pharmakologischen Effekt der Substanz sowie eine mögliche direkte toxische Wirkung auf das Nierenparenchym; belegt ist keiner der beiden. In der Literaturübersicht ordnen sie den Fall in bereits publizierte Berichte über Melanotan-II-assoziierte Rhabdomyolyse und akutes Nierenversagen ein. Es handelt sich nach Angabe der Autoren um den ersten dokumentierten Fall eines Niereninfarkts unter Melanotan II. Ein kausaler Zusammenhang ist bei einem Einzelfall nicht beweisbar, sondern beruht auf zeitlicher Assoziation und Ausschlussdiagnostik.

Kernergebnisse

  1. Erster publizierter Fall eines Niereninfarkts in zeitlichem Zusammenhang mit Melanotan-II-Selbstinjektion (n=1, 45-jähriger Mann).
  2. Kumulative Dosis nur 27 mg s.c. über rund 6 Monate – der Schaden trat also nicht unter extremer Hochdosisanwendung auf.
  3. CT: Infarzierung von etwa 50 % der rechten Niere bei unauffälligen Nierenarterien und ohne nachweisbare Emboliequelle.
  4. Labor bei Aufnahme: CRP 152 mg/l, Kreatinin 102 µmol/l, AST 1,96 µkat/l, ALT 1,23 µkat/l; Gerinnungsdiagnostik unauffällig.
  5. Nach 2 Monaten bleibend leicht reduzierte Nierenfunktion (eGFR 81 ml/min/1,73 m²) trotz Antikoagulation mit niedermolekularem Heparin; neu aufgetretener Bluthochdruck erforderte einen ACE-Hemmer.
  6. Literaturübersicht: Melanotan II war zuvor bereits mit Rhabdomyolyse und akutem Nierenversagen assoziiert worden.
Limitationen

Es handelt sich um einen unkontrollierten Einzelfallbericht ohne Vergleichsgruppe; ein Kausalzusammenhang lässt sich daraus grundsätzlich nicht ableiten, sondern nur eine plausible zeitliche Assoziation nach Ausschluss anderer Ursachen. Die verwendete Substanz stammte aus einem illegalen Webshop und wurde nicht analytisch untersucht – Verunreinigungen, Fehldosierungen oder ein abweichender Inhaltsstoff sind daher nicht ausgeschlossen. Angaben zu Dosis und Anwendungsdauer beruhen auf der Selbstauskunft des Patienten. Auch weitere Risikofaktoren (etwa paralleler Konsum anderer Substanzen) lassen sich retrospektiv nicht sicher ausschließen. Die postulierten Mechanismen (Thrombogenität, direkte Nephrotoxizität) sind Hypothesen ohne experimentellen Beleg in dieser Arbeit. Häufigkeitsaussagen sind nicht möglich. Angaben zu Interessenkonflikten oder einer Sponsorenfinanzierung sind für diesen Fallbericht nicht relevant; es handelt sich um eine klinische Beobachtung ohne Industriebeteiligung.

Was heißt das praktisch

Melanotan II ist nicht als Arzneimittel zugelassen und wird typischerweise über Graumarktquellen bezogen; dieser Fall zeigt, dass bereits eine niedrige kumulative Dosis (27 mg über 6 Monate) mit einem schwerwiegenden Gefäßereignis an der Niere und einer bleibenden, wenn auch moderaten Funktionseinbuße einhergehen kann. Wer über MT-2 nachdenkt, sollte wissen, dass es sich um ein Einzelfallsignal handelt – kein Beweis für ein hohes Risiko, aber ein ernstzunehmender Hinweis auf thrombotische und nephrotoxische Gefahren, die durch die fehlende Qualitätskontrolle illegal bezogener Ware zusätzlich unkalkulierbar werden.