Übersicht/CJC-1295 (ohne DAC) + Ipamorelin/Studie

Studie · Review / Meta-Analyse

Jenseits des Androgenrezeptors: Die Rolle von Wachstumshormon-Sekretagoga im modernen Management der Körperzusammensetzung bei hypogonadalen Männern

Beyond the androgen receptor: the role of growth hormone secretagogues in the modern management of body composition in hypogonadal males

Review / Meta-Analyse

Zusammenfassung vorhandener Arbeiten

Autoren
Sinha DK, Balasubramanian A, Tatem AJ, Rivera-Mirabal J, Yu J, Kovac J, Pastuszak AW, Lipshultz LI
Jahr
2020
Journal
Translational Andrology and Urology 9(Suppl 2):S149-S159
Modell / Stichprobe
Narratives Review; ausgewertet werden heterogene Tier- und Humanstudien (u.a. GH-defiziente Mäuse, n=32 ältere Probanden unter Ibutamoren, n=24 Adipöse, n=65 Zweijahresstudie, n=114 Darmresektions-Patienten unter Ipamorelin, 19 Erwachsene 55-71 Jahre unter Sermorelin). Keine eigene Datenerhebung, keine Meta-Analyse im statistischen Sinn.
Dosis im Versuch
Keine einheitliche Studiendosis, da Review. Referierte Dosierungen: Ipamorelin 250 µg/kg zweimal täglich s.c. (Tier) bzw. 0,03 mg/kg zweimal täglich (Humanstudie); Sermorelin 0,5-2 mg s.c. bzw. 10 µg/kg abends über 16-20 Wochen; GHRP-2/GHRP-6 s.c., u.a. 100 µg dreimal täglich; Ibutamoren 2/10/25 mg oral täglich bis zu 2 Jahre. CJC-1295 wird in dem Review nicht behandelt.
Quelle
PMID 32257855 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Das Review ordnet Wachstumshormon-Sekretagoga (GHS) als mögliche Ergänzung zur Testosterontherapie bei männlichem Hypogonadismus ein. Ausgangspunkt ist die bidirektionale Verknüpfung von Hypogonadismus, Adipositas und metabolischem Syndrom sowie der Befund, dass Testosteron allein die Körperzusammensetzung nicht bei allen Patienten ausreichend verbessert. Besprochen werden Sermorelin, GHRP-2, GHRP-6, Ibutamoren (MK-677) und Ipamorelin.

Die referierten Daten zeigen konsistent, dass GHS GH- und IGF-1-Spiegel anheben. Ibutamoren 25 mg steigerte bei älteren Probanden den 24-Stunden-GH-Mittelwert um 97 % und IGF-1 um 55 %; über zwei Jahre blieben etwa 1,8-fache GH- und 1,5-fache IGF-1-Werte erhalten. GHRP-2 erzeugte einen rund 47-fachen Anstieg pulsatiler GH-Sekretion gegenüber etwa 20-fach unter GHRH allein. Die klinischen Effekte auf die Körperzusammensetzung fallen deutlich schwächer aus: In einer achtwöchigen Studie an Adipösen stieg die fettfreie Masse um etwa 3 kg, das Gesamtkörperfett nahm jedoch nicht signifikant ab. Unter Sermorelin ergab eine sechswöchige Studie keine signifikante Änderung der Körperzusammensetzung, eine fünfmonatige Studie einen Zuwachs der Magermasse von 1,26 kg bei Männern.

Zu Ipamorelin selbst ist die Evidenzlage dünn: Im Tiermodell GH-defizienter Mäuse führte Ipamorelin über neun Wochen zu 15,3 % Gewichtszunahme gegenüber 95,5 % unter GH. Eine Humanstudie mit 114 Patienten nach Darmresektion erreichte keinen statistisch signifikanten Vorteil gegenüber Placebo. Die Autoren schließen ausdrücklich, dass belastbare klinische Evidenz zum Einsatz von GHS bei hypogonadalen Männern fehlt und dies ein offenes Forschungsfeld darstellt.

Kernergebnisse

  1. CJC-1295 wird in diesem Review nicht behandelt; zu Ipamorelin liegen nur wenige Humandaten vor.
  2. Ipamorelin bei GH-defizienten Mäusen: 15,3 % Gewichtszunahme in 9 Wochen gegenüber 95,5 % unter Wachstumshormon - deutlich schwächerer Effekt als GH selbst.
  3. Ipamorelin-Humanstudie (n=114, nach Darmresektion): kein statistisch signifikanter Vorteil gegenüber Placebo bei den gastrointestinalen Endpunkten.
  4. Ibutamoren 25 mg/Tag: +97 % 24-Stunden-GH und +55 % IGF-1; in einer 8-Wochen-Studie an Adipösen +3 kg fettfreie Masse, aber keine signifikante Abnahme des Gesamtkörperfetts.
  5. Sermorelin: eine 6-Wochen-Studie ohne signifikante Änderung der Körperzusammensetzung, eine 5-Monats-Studie mit +1,26 kg Magermasse bei Männern; Nebenwirkungen selten (Übelkeit, Flush, Reaktion an der Injektionsstelle).
  6. Fazit der Autoren: keine großen Längsschnittstudien zu GHS bei Hypogonadismus, Langzeitrisiken unklar.
Limitationen

Es handelt sich um ein narratives Review ohne systematische Suchstrategie, ohne Qualitätsbewertung der eingeschlossenen Arbeiten und ohne quantitative Zusammenfassung; die Auswahl der referierten Studien ist damit potenziell selektiv. Die zugrundeliegenden Studien sind klein, heterogen in Substanz, Dosis und Dauer und wurden überwiegend nicht an hypogonadalen Männern durchgeführt, sondern an älteren Gesunden, Adipösen, postoperativen Patienten oder Nagern; die Übertragung tierexperimenteller Effekte auf den Menschen ist nicht belegt. Mehrere Autoren geben Verbindungen zur Pharmaindustrie an (Pastuszak: Endo Pharmaceuticals, Boston Scientific, Antares, Bayer; Lipshultz: American Medical Systems, AbbVie, Lipocine, Aytu Bioscience, Endo Pharmaceuticals).

Was heißt das praktisch

Wer CJC-1295 + Ipamorelin zur Verbesserung der Körperzusammensetzung erwägt, findet hier keine Stütze: CJC-1295 kommt in dem Review gar nicht vor, und für Ipamorelin fehlen positive Humandaten zu Muskel- oder Fettmasse. Die Substanzklasse hebt zwar zuverlässig GH und IGF-1 an, ein daraus folgender klinisch relevanter Nutzen bei hypogonadalen Männern ist jedoch nicht belegt und die Langzeitsicherheit ungeklärt.