Übersicht/Semax · Selank/Studie

Studie · Humanstudie

Ein funktionell-konnektomischer Ansatz zur Untersuchung der Wirkungen von Selank und Semax

Functional Connectomic Approach to Studying Selank and Semax Effects

Humanstudie

Am Menschen, aber ohne RCT-Design

Autoren
Panikratova YR, Lebedeva IS, Sokolov OY, Rumshiskaya AD, Kupriyanov DA, Kost NV, et al.
Jahr
2020
Journal
Doklady Biological Sciences (Dokl Biol Sci) 490(1):9-11
Modell / Stichprobe
52 gesunde Probanden, aufgeteilt auf drei Bedingungen (Semax, Selank, Placebo)
Dosis im Versuch
Einmalige Applikation von Semax bzw. Selank; die konkrete Dosis und der Applikationsweg sind im Abstract nicht angegeben. Messzeitpunkte: vor der Gabe sowie 5 und 20 Minuten danach – die Studie erfasst also ausschließlich Akuteffekte einer Einzelgabe.
Quelle
PMID 32342318 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die Arbeit untersuchte mittels funktioneller Magnetresonanztomographie im Ruhezustand (resting-state fMRT), ob die beiden Peptide Selank (anxiolytisch) und Semax (nootrop) die funktionelle Konnektivität zwischen bestimmten Hirnregionen verändern. 52 gesunde Erwachsene wurden dreimal gescannt: vor der Gabe sowie 5 und 20 Minuten nach Applikation von Semax, Selank oder Placebo.

Als Ausgangsregionen (seeds) dienten die Amygdala und der dorsolaterale präfrontale Kortex jeweils beider Hemisphären. Unterschiede, die sowohl zwischen den Gruppen als auch zwischen den Messzeitpunkten auftraten, zeigten sich in der Konnektivität der rechten Amygdala mit benachbarten Arealen des rechten Temporalkortex. Die Autoren werten dies als bislang nicht beschriebene Akutwirkung beider Peptide auf ein Netzwerk, das an der Verarbeitung emotionaler Reize beteiligt ist.

Für den dorsolateralen präfrontalen Kortex sowie für die linke Amygdala werden im Abstract keine bedeutsamen Effekte berichtet. Es handelt sich um eine reine Bildgebungsstudie: klinische oder kognitive Endpunkte (Angstreduktion, Gedächtnis-, Aufmerksamkeitsleistung) wurden nicht als Ergebnis berichtet. Die Befunde belegen damit eine messbare pharmakologische Signalwirkung im Gehirn, nicht aber einen klinischen Nutzen.

Kernergebnisse

  1. 52 gesunde Probanden, resting-state fMRT vor sowie 5 und 20 Minuten nach Gabe von Semax, Selank oder Placebo.
  2. Kombinierte Gruppen- und Zeitpunkt-Effekte fanden sich in der funktionellen Konnektivität der rechten Amygdala mit angrenzenden Arealen des rechten Temporalkortex.
  3. Beide Peptide veränderten die Amygdala-Temporalkortex-Kopplung – ein zuvor nicht beschriebener Effekt.
  4. Für den dorsolateralen präfrontalen Kortex beider Hemisphären werden im Abstract keine relevanten Effekte berichtet.
  5. Die Effekte traten bereits innerhalb von 5 bis 20 Minuten nach einmaliger Gabe auf – es handelt sich um Akuteffekte ohne Aussage zu längerfristiger Wirkung.
Limitationen

Die Studie ist sehr kurz publiziert (Kurzmitteilung, 3 Seiten) und liefert im Abstract weder Dosis, Applikationsweg, exakte Gruppengrössen noch Effektstärken oder korrigierte p-Werte; eine unabhängige Bewertung der statistischen Robustheit ist damit nicht möglich. Bei einem Seed-basierten Konnektivitätsansatz mit mehreren Regionen und Zeitpunkten besteht ein erhebliches Risiko für Mehrfachvergleichsprobleme. Untersucht wurden ausschließlich gesunde Probanden nach einer Einzelgabe; Aussagen zu Patienten, zu wiederholter Anwendung oder zu klinischen Endpunkten sind daraus nicht ableitbar. Die Autorengruppe stammt aus dem russischen Umfeld, in dem Semax und Selank entwickelt wurden (u.a. Myasödov als Miterfinder), was einen potenziellen Interessenkonflikt darstellt.

Was heißt das praktisch

Die Studie zeigt, dass Semax und Selank beim Menschen tatsächlich rasch messbare Veränderungen der Hirnkonnektivität auslösen – also pharmakologisch wirksam sind und nicht nur subjektiv wirken. Sie sagt jedoch nichts darüber aus, ob daraus ein spürbarer Nutzen bei Angst, Stimmung oder Kognition entsteht, und sie liefert keine Dosierungs- oder Sicherheitsinformationen.