Übersicht/MOTS-c/Studie

Studie · Humanstudie

Ein pro-diabetogener mtDNA-Polymorphismus im mitochondrial abgeleiteten Peptid MOTS-c

A pro-diabetogenic mtDNA polymorphism in the mitochondrial-derived peptide, MOTS-c

Humanstudie

Am Menschen, aber ohne RCT-Design

Autoren
Zempo H, Kim SJ, Fuku N, Nishida Y, Higaki Y, Wan J, Yen K, Miller B, Vicinanza R, Miyamoto-Mikami E, Kumagai H, Naito H, Xiao J, Mehta HH, Lee C, Hara M, Patel YM, Setiawan VW, Moore TM, Hevener AL, Sutoh Y, Shimizu A, Kojima K, Kinoshita K, Arai Y, Hirose N, Maeda S, Tanaka K, Cohen P
Jahr
2021
Journal
Aging (Albany NY)
Modell / Stichprobe
Genetische Assoziationsstudie: Meta-Analyse von drei asiatischen bzw. japanisch-amerikanischen Kohorten, n = 27.527 (J-MICC: 4.963 Männer / 6.889 Frauen; Multiethnic Cohort MEC: 1.810 Männer / 1.577 Frauen; Tohoku Medical Megabank TMM: 4.471 Männer / 7.817 Frauen). Ergänzt durch Tierversuche an hochfettgefütterten männlichen und weiblichen Mäusen (n = 8–12 pro Gruppe) sowie In-vitro-Experimente an C2C12- und L6-Myotuben, 3T3-L1-Adipozyten und HEK293-Zellen.
Dosis im Versuch
Human: keine Intervention, reine Beobachtung des Genotyps. Maus: MOTS-c bzw. K14Q-MOTS-c 7,5 mg/kg intraperitoneal zweimal täglich über 21 Tage (Gewichts-/Körperzusammensetzungs-Experiment) sowie 0,5 mg/kg intraperitoneal einmal täglich über 21 Tage (Glukosetoleranz-Experiment), jeweils unter Hochfettdiät (60 % Kalorien aus Fett).
Quelle
PMID 33468709 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die Arbeit untersucht eine asiatisch-spezifische mitochondriale DNA-Variante (m.1382A>C, rs111033358), die im Peptid MOTS-c zu einem Aminosäureaustausch von Lysin zu Glutamin an Position 14 (K14Q) führt. MOTS-c gilt als insulinsensitivierendes, mitochondrial kodiertes Peptid. In einer Meta-Analyse von drei Kohorten mit insgesamt 27.527 Teilnehmenden zeigten Männer mit dem C-Allel eine signifikant höhere Prävalenz von Typ-2-Diabetes (Z = 2,86; p < 0,01, adjustiert für Alter und BMI). Bei Frauen bestand kein Zusammenhang (Z = -0,46; p = 0,64) – ein klares Nullergebnis für das weibliche Geschlecht.

In der J-MICC-Kohorte trat der Effekt nur im untersten Tertil der körperlichen Aktivität auf: Bei sedentären Männern (im Mittel 6,8 min moderate bis intensive Aktivität pro Tag) lag die T2D-Prävalenz bei C-Allel-Trägern bei 18,5 % gegenüber 11,2 % bei A-Allel-Trägern (p = 0,014). Bei aktiveren Männern war kein Unterschied nachweisbar. Die Autoren beschreiben dies als kinesio-genomische Interaktion, also eine Genotyp-Bewegungs-Wechselwirkung.

Mechanistisch wurde die Variante im Tiermodell und in Zellkultur geprüft. Hochfettgefütterte männliche Mäuse, die Wildtyp-MOTS-c erhielten, nahmen weniger zu und zeigten eine verbesserte Glukoseclearance; mit K14Q-MOTS-c behandelte Tiere zeigten keinen dieser Effekte. Weibliche Mäuse profitierten in keiner Gruppe – auch hier ein Nullergebnis, das die Humandaten spiegelt. In vitro erhöhte Wildtyp-MOTS-c die insulinstimulierte AKT-Phosphorylierung in C2C12-Myotuben, die Glukoseaufnahme in L6-Myotuben und HEK293-Zellen sowie die Lipidtröpfchenbildung während der 3T3-L1-Adipozytendifferenzierung, während die K14Q-Variante jeweils abgeschwächt oder wirkungslos war.

Kernergebnisse

  1. Meta-Analyse über 27.527 Personen: C-Allel (K14Q) ist bei Männern mit erhöhter Typ-2-Diabetes-Prävalenz assoziiert (Z = 2,86; p < 0,01), bei Frauen nicht (Z = -0,46; p = 0,64).
  2. J-MICC, sedentäre Männer (unterstes Aktivitätstertil, ca. 6,8 min/Tag): T2D-Prävalenz 18,5 % bei C-Allel vs. 11,2 % bei A-Allel, entsprechend rund 65 % höherer Rate (p = 0,014); bei körperlich aktiveren Männern kein Unterschied.
  3. Sedentäre Frauen: 3,7 % (C-Allel) vs. 5,1 % (A-Allel), kein signifikanter Unterschied (p = 0,258).
  4. Männliche Mäuse unter Hochfettdiät: Wildtyp-MOTS-c (7,5 mg/kg i.p. 2x täglich bzw. 0,5 mg/kg i.p. täglich, 21 Tage) reduzierte Gewichtszunahme und verbesserte die Glukosetoleranz; K14Q-MOTS-c zeigte keinen Effekt. Weibliche Mäuse zeigten in keiner Gruppe einen Nutzen.
  5. In vitro: K14Q-MOTS-c führte zu abgeschwächter Insulinsensitivierung – geringere AKT-Phosphorylierung, geringere Glukoseaufnahme und fehlender Effekt auf die Adipozytendifferenzierung im Vergleich zum Wildtyp-Peptid.
Limitationen

Der Humanteil ist eine Querschnitts-Assoziationsstudie ohne Intervention: Kausalität lässt sich daraus nicht ableiten, und die T2D-Prävalenz wurde nicht durch randomisierte Behandlung beeinflusst. Die Variante ist asiatisch-spezifisch, weshalb die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf europäischstämmige Populationen übertragbar sind. Die Subgruppenanalyse nach körperlicher Aktivität beruht auf Selbstauskunft, ist post hoc angelegt und die Fallzahlen im untersten Aktivitätstertil sind klein, wodurch der p-Wert von 0,014 gegenüber multiplem Testen anfällig ist. Der Geschlechtsunterschied bleibt mechanistisch unerklärt. Die Wirksamkeitsdaten zu MOTS-c stammen ausschließlich aus Mäusen und Zellkultur mit relativ hohen, parenteralen Dosierungen über nur 21 Tage; es gibt keine Humandaten zur MOTS-c-Gabe. Seniorautor Pinchas Cohen ist Berater und Aktionär von CohBar Inc., einem Unternehmen, das mitochondrial abgeleitete Peptide kommerziell entwickelt – ein relevanter Interessenkonflikt. Die Finanzierung erfolgte überwiegend öffentlich (JSPS KAKENHI, MEXT, NIH P01AG034906 und U54CA233465).

Was heißt das praktisch

Die Studie ist ein zentraler mechanistischer Beleg dafür, dass MOTS-c an der Insulinsensitivität beteiligt ist, und dass eine natürlich vorkommende Genvariante dessen Funktion abschwächt – allerdings ausschließlich als Assoziations- und Tierdatenlage, nicht als Wirksamkeitsnachweis einer MOTS-c-Gabe beim Menschen. Wer über MOTS-c nachdenkt, sollte wissen: Es existiert bis dato keine Humanstudie zur Anwendung des Peptids, die Effekte waren im Modell geschlechtsabhängig (nur männliche Tiere) und traten primär unter Hochfettdiät und Bewegungsmangel auf.