Übersicht/NAD+/Studie

Studie · Humanstudie

NAD+- und Enkephalinase-Hemmer-Infusionen (IV1114589NAD) verringern die psychiatrische Symptomlast bei Substanzgebrauchsstörung deutlich – eine Serie von fünfzig Fällen

Nicotinamide Adenine Dinucleotide (NAD+) and Enkephalinase Inhibition (IV1114589NAD) Infusions Significantly Attenuate Psychiatric Burden Sequalae in Substance Use Disorder (SUD) in Fifty Cases

Humanstudie

Am Menschen, aber ohne RCT-Design

Autoren
Blum K, Han D, Baron D, Kazmi S, Elman I, Llanos Gomez L, Gondre-Lewis MC, Thanos PK, Braverman ER, Badgaiyan RD
Jahr
2022
Journal
Current Psychiatry Research and Reviews, 18(2):125-143
Modell / Stichprobe
n=50 therapieresistente Personen mit Poly-Drogen-Abhängigkeit (Substanzgebrauchsstörung), gemischte Geschlechter und Ethnien; Urinanalyse bei einer Teilgruppe von n=40
Dosis im Versuch
Intravenöse Infusionen des Kombinationspräparats IV1114589NAD (NAD+ plus eine Aminosäure-Formulierung zur Enkephalinase-Hemmung). Konkrete Dosis in mg, Infusionsdauer, Anzahl der Infusionstage und Nachbeobachtungszeitraum werden im Abstract nicht angegeben; die Autoren berichten lediglich eine „lineare, dosisabhängige" Beziehung über die Behandlungsserie hinweg.
Quelle
PMID 36118157 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Es handelt sich um eine unkontrollierte, retrospektive Fallserie aus einer Behandlungseinrichtung, nicht um eine randomisierte Studie. Fünfzig als therapieresistent beschriebene Patientinnen und Patienten mit Poly-Drogen-Abhängigkeit erhielten intravenöse Infusionen eines Kombinationspräparats aus Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid (NAD+) und einer Aminosäure-Formulierung, die nach Angabe der Autoren das Enkephalin-abbauende Enzym (Enkephalinase) hemmen soll. Die Zielgrößen waren selbst berichtete Likert-Skalen für Substanzverlangen (Craving), Angst und Depression.

Über den Behandlungsverlauf sanken alle drei Skalenwerte statistisch signifikant: Craving (P=1,063E-9), Angst (P=5,487E-7) und Depression (P=1,763E-4). Die Autoren beschreiben zusätzlich einen linearen, dosisabhängigen Verlauf über die Infusionsserie. Bei 40 Teilnehmenden wurde zur Halbzeit der Behandlung eine Urinprobe untersucht; in 100 Prozent dieser Proben liessen sich keine illegalen Substanzen nachweisen.

Entscheidend für die Einordnung: Es gab keine Kontroll- oder Placebogruppe, keine Verblindung und keine Randomisierung. Alle primären Endpunkte beruhen auf subjektiven Selbsteinschätzungen in einer Behandlungssituation, in der Erwartungseffekte und soziale Erwünschtheit stark wirken. Die Autoren selbst bezeichnen die Arbeit als Pilotstudie und fordern randomisierte kontrollierte Studien zur Bestätigung. Auch die Urin-Ergebnisse sind wenig aussagekräftig, da die Patienten sich in stationärer bzw. begleiteter Behandlung befanden – Abstinenz ist dort auch ohne Wirkstoffeffekt zu erwarten. Angaben zu Nebenwirkungen, Abbruchraten und einer Nachbeobachtung nach Behandlungsende fehlen im Abstract.

Kernergebnisse

  1. Craving (Likert-Selbstbeurteilung) sank über den Behandlungsverlauf signifikant: P = 1,063E-9
  2. Angst-Score sank signifikant: P = 5,487E-7
  3. Depressions-Score sank signifikant: P = 1,763E-4 – der schwächste der drei Effekte
  4. Bei 40 von 50 Teilnehmenden wurde zur Behandlungsmitte eine Urinprobe getestet; in 100 Prozent der Proben waren keine illegalen Substanzen nachweisbar (ohne Kontrollgruppe nicht kausal interpretierbar)
  5. Die Autoren beschreiben eine lineare, dosisabhängige Abnahme über die Infusionsserie hinweg; absolute Punktwerte, Effektstärken und Konfidenzintervalle werden im Abstract nicht berichtet
Limitationen

Schwere methodische Einschränkungen: offene, unkontrollierte Fallserie ohne Placebo, Randomisierung oder Verblindung, kleine Stichprobe (n=50) und rein subjektive Primärendpunkte per Likert-Skala. Ohne Kontrollgruppe lässt sich der Effekt nicht vom natürlichen Verlauf, vom begleitenden Entzugs- und Therapieprogramm oder von einem Placeböffekt trennen – gerade bei Craving, Angst und Depression sind Placeböffekte in Suchtstudien notorisch groß. Die extrem kleinen p-Werte spiegeln Vorher-Nachher-Vergleiche innerhalb derselben Personen wider und sagen nichts über die klinische Relevanz aus. Weder Dosis noch Behandlungsdauer noch Nachbeobachtung (Rückfallrate nach Wochen oder Monaten) sind im Abstract dokumentiert; unerwünschte Wirkungen werden nicht berichtet. Erheblicher Interessenkonflikt: Erstautor Kenneth Blum ist erklärter Erfinder der Aminosäure-Enkephalinase-Therapie und hält dazu erteilte und angemeldete US- sowie ausländische Patente. Das untersuchte Präparat ist zudem ein proprietäres Kombinationsprodukt, sodass ein eigenständiger NAD+-Effekt gar nicht isoliert werden kann. Publiziert in einer Nischenzeitschrift eines Verlags mit umstrittener Peer-Review-Qualität.

Was heißt das praktisch

Für jemanden, der NAD+-Infusionen bei Suchtproblemen erwägt, ist dies die am häufigsten zitierte Arbeit – sie ist aber kein Wirksamkeitsnachweis, sondern eine unkontrollierte Fallserie mit Patentinteresse des Autors und einem Kombinationspräparat, bei dem NAD+ nicht isoliert getestet wurde. Sie rechtfertigt allenfalls weitere Forschung, nicht die Behauptung, NAD+-Infusionen würden Craving, Angst oder Depression nachweislich senken.