Übersicht/Kisspeptin/Studie

Studie · Humanstudie (RCT)

Wirkung einer Kisspeptin-Gabe bei Frauen mit Störung des sexuellen Verlangens (HSDD): eine randomisierte klinische Studie

Effects of Kisspeptin Administration in Women With Hypoactive Sexual Desire Disorder: A Randomized Clinical Trial

Humanstudie (RCT)

Stärkste Evidenzstufe hier

Autoren
Thurston L, Hunjan T, Ertl N, Wall MB, Mills EG, Suladze S, Patel B, Alexander EC, Muzi B, Bassett PA, Rabiner EA, Bech P, Goldmeier D, Abbara A, Comninos AN, Dhillo WS
Jahr
2022
Journal
JAMA Network Open
Modell / Stichprobe
n=32 prämenopausale Frauen mit Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD), die beide Studienvisiten abschlossen (40 randomisiert, 8 unvollständig); mittleres Alter 29,2 Jahre; Imperial College London, Oktober 2020 bis April 2021
Dosis im Versuch
Kisspeptin-54, 1 nmol/kg/h als intravenöse Infusion über 75 Minuten, gegenüber volumengleicher Placebo-Infusion; randomisiertes, doppelt verblindetes 2-Wege-Crossover-Design mit je einem Kisspeptin- und einem Placebo-Visit pro Teilnehmerin
Quelle
PMID 36287566 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die Studie untersuchte in einem randomisierten, doppelt verblindeten, placebokontrollierten Crossover-Design, ob eine einmalige intravenöse Kisspeptin-54-Infusion (1 nmol/kg/h über 75 Minuten) die Hirnverarbeitung sexueller und attraktivitätsbezogener Reize bei prämenopausalen Frauen mit HSDD verändert. Primärer Endpunkt waren fMRT-Aktivierungsmuster während des Betrachtens erotischer Videos und während einer Aufgabe zur Gesichtsattraktivität; sekundär wurden Fragebögen (u. a. Sexual Arousal and Desire Inventory, STAI-Y1), ein Aufmerksamkeitstest (d2) und Hormonspiegel erfasst.

Unter Kisspeptin zeigten sich messbare Modulationen der Hirnaktivität: Deaktivierung des linken Gyrus frontalis inferior/medius bei erotischen Reizen, Aktivierung von rechtem Gyrus postcentralis und Gyrus supramarginalis sowie Deaktivierung der rechten temporoparietalen Junktion beim Betrachten männlicher Gesichter. Explorativ korrelierte eine stärkere Hippocampus-Aktivierung mit dem Ausmaß des sexuellen Leidensdrucks zu Studienbeginn, eine Aktivierung des posterioren Cingulums mit geringerer sexueller Aversion. LH (+2,14 IU/l) und FSH (+0,28 IU/l) stiegen erwartungsgemäß leicht an.

Entscheidend für die Einordnung: Auf der Verhaltens- und Fragebogenebene blieben die Effekte weitgehend aus. Die SADI-Domänenscores veränderten sich auf Domänenebene nicht, Zustandsangst (STAI-Y1) und nicht-sexuelle Aufmerksamkeit (d2) blieben unbeeinflusst. Lediglich in einer explorativen Auswertung fand sich ein sehr kleiner Anstieg im Item "sich sexy fühlen" (0,5 Punkte, p=0,04), der ohne Korrektur für multiples Testen kaum belastbar ist. Estradiol, Progesteron und Testosteron blieben unverändert. Die Infusion wurde gut vertragen, es wurden keine Nebenwirkungen berichtet. Die Autoren werten die Ergebnisse als Grundlage für weitere klinische Untersuchungen, nicht als Wirksamkeitsnachweis.

Kernergebnisse

  1. Kisspeptin-54 (1 nmol/kg/h i.v. über 75 min) modulierte fMRT-Aktivität: Deaktivierung des linken Gyrus frontalis inferior/medius bei erotischen Videos, Aktivierung von Gyrus postcentralis und supramarginalis rechts, Deaktivierung der rechten temporoparietalen Junktion bei männlichen Gesichtern.
  2. Kein Effekt auf die Domänenscores des Sexual Arousal and Desire Inventory (SADI) - der zentrale subjektive Verlangens-Endpunkt blieb negativ.
  3. Kein Effekt auf Zustandsangst (STAI-Y1) und auf nicht-sexuelle Aufmerksamkeit (d2-Test).
  4. Nur explorativ ein minimaler Anstieg im Item "sich sexy fühlen" um 0,5 Punkte (p=0,04), ohne Korrektur für multiples Testen.
  5. Hormonell: LH +2,14 IU/l (p=0,02) und FSH +0,28 IU/l (p=0,049); Estradiol, Progesteron und Testosteron unverändert. Keine Nebenwirkungen berichtet.
Limitationen

Kleine Stichprobe (n=32 Auswertbare von 40 Randomisierten, also relevanter Ausfall), sehr junge Kohorte (Mittel 29,2 Jahre), Einmalgabe über nur 75 Minuten - damit sind keine Aussagen über anhaltende oder klinisch relevante Wirkungen möglich. Primärer Endpunkt war ein Surrogatmarker (fMRT-Signal), nicht sexuelles Verlangen im Alltag; die klinisch bedeutsamen Fragebogenmaße waren negativ, positive Korrelationsbefunde stammen aus explorativen Analysen mit vielen Vergleichen. Die intravenöse Applikation ist außerhalb einer Klinik nicht praktikabel. Finanzierung durch NIHR, MRC und akademische Fellowships; Interessenkonflikte: ein Autor ist bei Invicro LLC angestellt, zwei Autoren erhielten Beraterhonorare von Myovant Sciences (außerhalb dieser Arbeit).

Was heißt das praktisch

Die Studie zeigt, dass Kisspeptin bei Frauen mit HSDD messbar in sexualitätsbezogene Hirnnetzwerke eingreift und akut gut vertragen wird - aber sie liefert keinen Beleg dafür, dass sich dadurch das subjektiv erlebte sexuelle Verlangen verbessert. Wer Kisspeptin erwägt, sollte wissen: Es handelt sich um eine kurze intravenöse Einmalgabe unter Studienbedingungen mit überwiegend neurobiologischen, nicht klinischen Endpunkten; ein Wirksamkeitsnachweis steht aus.