Übersicht/Kisspeptin/Studie

Studie · Humanstudie (RCT)

Wirkung von Kisspeptin auf sexuelle Verarbeitungsprozesse im Gehirn und penile Tumeszenz bei Männern mit hypoaktiver sexueller Appetenzstörung: eine randomisierte klinische Studie

Effects of Kisspeptin on Sexual Brain Processing and Penile Tumescence in Men With Hypoactive Sexual Desire Disorder: A Randomized Clinical Trial

Humanstudie (RCT)

Stärkste Evidenzstufe hier

Autoren
Mills EG, Ertl N, Wall MB, Thurston L, Yang L, Suladze S, Hunjan T, Phylactou M, Patel B, Muzi B, Ettehad D, Bassett PA, Howard J, Rabiner EA, Bech P, Abbara A, Goldmeier D, Comninos AN, Dhillo WS
Jahr
2023
Journal
JAMA Network Open
Modell / Stichprobe
n=32 rechtshändige heterosexuelle Männer mit hypoaktiver sexueller Appetenzstörung (HSDD), die die Studie abschlossen (37 randomisiert); mittleres Alter 37,9 Jahre, mittlerer BMI 24,9; ein akademisches Zentrum in Großbritannien
Dosis im Versuch
Kisspeptin-54 als intravenöse Infusion mit 1 nmol/kg/h über 75 Minuten versus ratengleiche Placebo-Infusion; zweiarmiges Crossover-Design mit zwei Besuchen im Abstand von mindestens 7 Tagen, in randomisierter Reihenfolge
Quelle
PMID 36735255 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die doppelblinde, placebokontrollierte Crossover-Studie untersuchte, ob das Reproduktionsneuropeptid Kisspeptin bei Männern mit hypoaktiver sexueller Appetenzstörung (HSDD) die sexuelle Verarbeitung im Gehirn beeinflusst. Jeder Teilnehmer erhielt an zwei getrennten Terminen einmal Kisspeptin-54 (1 nmol/kg/h i.v. über 75 Minuten) und einmal Placebo. Während der Infusion wurden im funktionellen MRT sexuelle Videostimuli präsentiert; primärer Endpunkt war die Veränderung der BOLD-Aktivität im gesamten Gehirn. Sekundär wurden penile Tumeszenz, Fragebogenmaße zu sexuellem Verlangen und Erregung sowie Hormonspiegel erfasst.

Unter Kisspeptin zeigte sich eine signifikante Modulation der Aktivität in Strukturen des sexuellen Verarbeitungsnetzwerks gegenüber Placebo (Cohen d = 0,81; P = 0,003). Als sekundäre Befunde stieg die penile Tumeszenz um bis zu 56 Prozent gegenüber Placebo (mittlere Differenz 0,28 Einheiten; P = 0,02), und die selbstberichtete "Zufriedenheit mit dem Sex" nahm zu (mittlere Differenz 0,63 Punkte; P = 0,02).

Einzuordnen ist, dass es sich um eine Akutstudie mit einmaliger Infusion in einer Laborumgebung handelt, nicht um eine Therapiestudie über Wochen. Die Effekte auf das Verhalten waren klein und betrafen nur einzelne von mehreren erhobenen Skalen; ein klinisch relevanter Wirksamkeitsnachweis im Alltag (etwa mehr sexuelle Aktivität oder anhaltend gesteigertes Verlangen) wurde nicht erbracht. Die Autoren selbst bezeichnen die Daten als erste klinische Evidenz und als Grundlage für weitere Entwicklung, nicht als Zulassungsnachweis.

Kernergebnisse

  1. Primärer Endpunkt erreicht: Kisspeptin-54 modulierte die fMRT-BOLD-Aktivität in Kernstrukturen des sexuellen Verarbeitungsnetzwerks signifikant gegenüber Placebo (Cohen d = 0,81; P = 0,003)
  2. Penile Tumeszenz während sexueller Stimuli bis zu 56 Prozent höher als unter Placebo (mittlere Differenz 0,28 Einheiten; P = 0,02)
  3. Selbstberichtete Zufriedenheit bzw. 'Happiness about sex' unter Kisspeptin erhöht (mittlere Differenz 0,63 Punkte; P = 0,02)
  4. Dosis und Applikation: 1 nmol/kg/h Kisspeptin-54 i.v. über 75 Minuten, einmalig pro Studienbesuch, Crossover mit mindestens 7 Tagen Abstand
  5. Von 37 randomisierten Männern schlossen 32 beide Besuche ab (mittleres Alter 37,9 Jahre, BMI 24,9)
Limitationen

Kleine Stichprobe (n=32) an einem einzigen Zentrum, eingeschlossen wurden ausschließlich rechtshändige heterosexuelle Männer, um die fMRT-Stimuli zu standardisieren; die Übertragbarkeit auf Frauen, linkshändige oder nicht-heterosexuelle Männer und ältere oder komorbide Patienten ist unklar. Es handelt sich um eine einmalige intravenöse Akutinfusion unter Laborbedingungen, nicht um eine praxistaugliche Applikationsform oder eine Langzeittherapie; Aussagen zu Dauerwirkung, Sicherheit über Wochen oder zum tatsächlichen Sexualverhalten im Alltag sind daher nicht möglich. Die Autoren räumen ein, dass die kurzen, tonlosen Videos individuell unterschiedlich erregend gewirkt haben können und subtilere Verhaltenseffekte im Labor womöglich nicht abbildbar sind. Die Verhaltensdifferenzen waren absolut klein und stammen aus mehreren sekundären Endpunkten, was das Risiko falsch positiver Einzelbefunde erhöht. Finanzierung durch Medical Research Council und NIHR/Imperial Biomedical Research Centre; ein Autor ist bei einem kommerziellen Forschungsunternehmen angestellt, zwei Autoren berichten Beraterhonorare von Pharmaunternehmen außerhalb dieser Arbeit. Registrierung: ISRCTN17271094.

Was heißt das praktisch

Die Studie ist der bislang belastbarste klinische Hinweis, dass Kisspeptin bei Männern mit vermindertem sexuellem Verlangen zentrale sexuelle Verarbeitungsprozesse und die Erektionsreaktion akut beeinflussen kann. Sie belegt aber nur einen Akuteffekt einer 75-minütigen intravenösen Infusion im Labor und liefert keinerlei Evidenz für Nutzen, Dosierung oder Sicherheit einer eigenständigen, wiederholten Anwendung außerhalb einer Studie.