Übersicht/Retatrutid/Studie

Studie · Humanstudie (RCT)

Retatrutid, ein GIP-, GLP-1- und Glukagon-Rezeptoragonist, bei Menschen mit Typ-2-Diabetes: eine randomisierte, doppelblinde, placebo- und aktivkontrollierte Parallelgruppen-Phase-2-Studie aus den USA

Retatrutide, a GIP, GLP-1 and glucagon receptor agonist, for people with type 2 diabetes: a randomised, double-blind, placebo and active-controlled, parallel-group, phase 2 trial conducted in the USA

Humanstudie (RCT)

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Autoren
Rosenstock J, Frias J, Jastreboff AM, et al.
Jahr
2023
Journal
The Lancet
Modell / Stichprobe
n=281 Erwachsene (18-75 Jahre) mit Typ-2-Diabetes, 42 Studienzentren in den USA
Dosis im Versuch
Retatrutid einmal wöchentlich subkutan in Dosisgruppen von 0,5 mg bis 12 mg (mehrere Eskalationsschemata mit 2 mg oder 4 mg Startdosis), gegen Placebo und gegen Dulaglutid 1,5 mg wöchentlich; Studiendauer 36 Wochen, primärer Endpunkt HbA1c-Änderung nach 24 Wochen.
Quelle
PMID 37385280 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Untersucht wurde die Wirksamkeit und Verträglichkeit des dreifachen Rezeptoragonisten Retatrutid (GIP, GLP-1, Glukagon) bei 281 Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes. Die Teilnehmenden wurden randomisiert, doppelblind auf Placebo, Dulaglutid 1,5 mg oder eine von mehreren Retatrutid-Dosisgruppen (0,5 mg bis 12 mg wöchentlich subkutan, teils mit unterschiedlichen Eskalationsschemata) verteilt. Stratifiziert wurde nach HbA1c und BMI. Primärer Endpunkt war die HbA1c-Änderung nach 24 Wochen, die Nachbeobachtung lief über 36 Wochen.

Retatrutid senkte den HbA1c dosisabhängig: von -0,43% in der niedrigsten Dosisgruppe bis -2,02% unter 12 mg, gegenüber -0,01% unter Placebo (p<0,0001 für die höheren Dosen). Auch das Körpergewicht sank dosisabhängig; nach 36 Wochen erreichten die höchsten Dosisgruppen etwa -16,8% bis -16,9%, während Placebo bei rund -3,0% lag. Dulaglutid diente als aktive Vergleichsgruppe und lag zwischen Placebo und den höheren Retatrutid-Dosen.

Das Nebenwirkungsprofil war überwiegend gastrointestinal: Übelkeit, Durchfall, Erbrechen und Verstopfung traten bei etwa 35% der Retatrutid-Behandelten auf gegenüber rund 13% unter Placebo, meist mild bis moderat und dosisabhängig, vor allem während der Dosiseskalation. Schwere Hypoglykämien oder Todesfälle wurden nicht berichtet. Die Autoren werten die Ergebnisse als klinisch bedeutsame Verbesserung der Blutzuckerkontrolle bei gleichzeitig ausgeprägter Gewichtsreduktion mit einem Sicherheitsprofil, das dem bekannter GLP-1-Wirkstoffe entspricht.

Kernergebnisse

  1. HbA1c-Senkung nach 24 Wochen dosisabhängig von -0,43% (niedrigste Dosis) bis -2,02% (12 mg) gegenüber -0,01% unter Placebo (p<0,0001).
  2. Gewichtsreduktion nach 36 Wochen in den höchsten Dosisgruppen etwa -16,8% bis -16,9% gegenüber rund -3,0% unter Placebo.
  3. Dulaglutid 1,5 mg als aktive Kontrolle wirkte deutlich schwächer als die höheren Retatrutid-Dosen, sowohl beim HbA1c als auch beim Gewicht.
  4. Gastrointestinale Nebenwirkungen (Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Obstipation) bei rund 35% unter Retatrutid vs. rund 13% unter Placebo, dosisabhängig und vor allem in der Eskalationsphase.
  5. Keine schweren Hypoglykämien und keine Todesfälle während der 36-wöchigen Studiendauer.
Limitationen

Es handelt sich um eine Phase-2-Studie mit vergleichsweise kleiner Fallzahl (n=281), kurzer Dauer (36 Wochen) und ausschließlich US-amerikanischen Zentren; die Übertragbarkeit auf andere Populationen und die Langzeitsicherheit sind damit nicht belegt. Die Aufteilung auf viele Dosisarme führt zu kleinen Gruppengrössen und breiten Konfidenzintervallen. Harte klinische Endpunkte (kardiovaskuläre Ereignisse, Mortalität) wurden nicht untersucht, ebenso wenig die Gewichtsentwicklung nach Absetzen. Die Studie wurde von Eli Lilly and Company finanziert, dem Hersteller von Retatrutid und Dulaglutid; mehrere Autoren sind Mitarbeitende des Unternehmens, was ein relevantes Interessenkonflikt-Risiko darstellt.

Was heißt das praktisch

Die Studie belegt für Menschen mit Typ-2-Diabetes eine starke, dosisabhängige Wirkung von Retatrutid auf Blutzucker und Körpergewicht, erkauft mit häufigen gastrointestinalen Nebenwirkungen vor allem während der Dosissteigerung. Sie sagt nichts über Sicherheit oder Wirksamkeit jenseits von 36 Wochen aus; Retatrutid war zum Studienzeitpunkt ein nicht zugelassener Prüfwirkstoff, der ausschließlich unter ärztlicher Kontrolle mit langsamer Dosiseskalation eingesetzt wurde.