Übersicht/NAD+/Studie

Studie · Humanstudie (RCT)

Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie zu Nicotinamid-Ribosid bei älteren Erwachsenen mit leichter kognitiver Störung

A randomized placebo-controlled trial of nicotinamide riboside in older adults with mild cognitive impairment

Humanstudie (RCT)

Stärkste Evidenzstufe hier

Autoren
Orr ME, Kotkowski E, Ramirez P, Bair-Kelps D, Liu Q, Brenner C, Schmidt MS, Fox PT, Larbi A, Tan C, Wong G, Gelfond J, Frost B, Espinoza S, Musi N, Powers B
Jahr
2024
Journal
GeroScience
Modell / Stichprobe
n=20 ältere Erwachsene mit leichter kognitiver Störung (mild cognitive impairment, MCI), randomisiert auf Nicotinamid-Ribosid oder Placebo
Dosis im Versuch
Nicotinamid-Ribosid oral, aufsteigende Dosierung: 250 mg/Tag für 1 Woche, 500 mg/Tag für 1 Woche, 750 mg/Tag für 1 Woche, danach 1 g/Tag bis Studienende (6 Wochen); Gesamtdauer rund 9–10 Wochen
Quelle
PMID 37994989 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Diese placebokontrollierte Pilotstudie prüfte primär, ob Nicotinamid-Ribosid (NR) bei zwanzig älteren Erwachsenen mit leichter kognitiver Störung sicher bis zur Zieldosis von 1 g täglich auftitriert werden kann und ob sich die Kognition (Montreal Cognitive Assessment, MoCA) verändert. Sekundäre Endpunkte waren zerebraler Blutfluss (CBF), NAD+-Spiegel im Blut, weitere neurokognitive und psychometrische Tests sowie körperliche Leistungsfähigkeit; explorativ wurde die DNA-Methylierung in mononukleären Zellen des peripheren Blutes untersucht.

Die Zieldosis wurde erreicht, ohne dass sich die Rate unerwünschter Ereignisse zwischen den Gruppen unterschied. Biochemisch war die Intervention eindeutig wirksam: Der NAD+-Spiegel im Blut stieg um das 2,6-Fache (p < 0,001). Klinisch blieb der Nutzen jedoch aus. Die kognitiven Messwerte blieben in beiden Gruppen stabil, es zeigte sich kein Vorteil von NR gegenüber Placebo. Die Gehgeschwindigkeit verbesserte sich nur in der Placebogruppe – von den Autoren als Übungs-/Lerneffekt gedeutet, aber jedenfalls kein Argument für NR.

In der Bildgebung reduzierte NR den zerebralen Blutfluss im Default-Mode-Netzwerk, besonders im linken unteren Parietallappen. Die Richtung dieses Effekts ist nicht eindeutig als positiv interpretierbar. Explorativ fanden sich unter NR moderate Zunahmen der DNA-Methylierung und ein reduziertes epigenetisches Alter. Die Autoren schließen, dass NR den Blut-NAD+-Spiegel sicher anhebt, ohne die Kognition zu verändern, und dass größere Studien mit längerer Dauer nötig sind.

Kernergebnisse

  1. NAD+ im Blut stieg unter NR um das 2,6-Fache an (p < 0,001) – die Substanz erreicht ihr biochemisches Ziel.
  2. Kein Unterschied bei unerwünschten Ereignissen zwischen NR- und Placebogruppe; die Titration auf 1 g/Tag wurde gut vertragen.
  3. Primärer Endpunkt negativ: Kognition (MoCA und weitere neurokognitive Tests) blieb stabil, kein Vorteil von NR gegenüber Placebo.
  4. Die Gehgeschwindigkeit verbesserte sich nur unter Placebo, nicht unter NR (von den Autoren als Übungseffekt gewertet).
  5. NR senkte den zerebralen Blutfluss im Default-Mode-Netzwerk, insbesondere im linken unteren Parietallappen – klinische Bedeutung unklar.
  6. Explorativ: moderate Zunahme der DNA-Methylierung und Reduktion epigenetischer Alterungsmarker unter NR.
Limitationen

Es handelt sich um eine sehr kleine Pilotstudie mit nur 20 Teilnehmenden (rund 10 pro Arm) und einer kurzen Interventionsdauer von etwa 9–10 Wochen. Damit ist die Studie deutlich unterpowert, um kognitive Effekte nachzuweisen; ein Nullbefund bei der Kognition ist unter diesen Bedingungen wenig aussagekräftig, kann aber auch keinen Nutzen belegen. Die zahlreichen sekundären und explorativen Endpunkte (Bildgebung, Methylierung, körperliche Leistung) wurden nicht für multiples Testen korrigiert, sodass Einzelbefunde wie der CBF-Effekt oder die epigenetische Alterung als hypothesengenerierend zu werten sind. Die Deutung des reduzierten zerebralen Blutflusses ist ambivalent. Zur Interessenlage: Zwei Koautoren (Charles Brenner, Mark S. Schmidt) sind eng mit der kommerziellen Entwicklung von Nicotinamid-Ribosid verbunden (ChromaDex), was bei der Interpretation zu berücksichtigen ist; die genauen Angaben zu Finanzierung und Studienpräparat sollten in der Originalpublikation nachgelesen werden.

Was heißt das praktisch

Für alle, die NAD+-Booster erwägen, zeigt die Studie zweierlei: Nicotinamid-Ribosid hebt den NAD+-Spiegel im Blut zuverlässig und sicher an (2,6-fach bei 1 g/Tag), doch daraus folgt in dieser kurzen Pilotstudie kein messbarer kognitiver Nutzen bei bereits bestehender leichter kognitiver Störung. Der Anstieg des Biomarkers ist also nicht mit einem klinischen Effekt gleichzusetzen.