Übersicht/NAD+/Studie

Studie · Review / Meta-Analyse

Die Wirkung von Nicotinamid-Mononukleotid und Nicotinamid-Ribosid auf Skelettmuskelmasse und -funktion: Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse

The Effect of Nicotinamide Mononucleotide and Riboside on Skeletal Muscle Mass and Function: A Systematic Review and Meta-Analysis

Review / Meta-Analyse

Zusammenfassung vorhandener Arbeiten

Autoren
Prokopidis K, Moriarty F, Bahat G, McLean J, Church DD, Patel HP
Jahr
2025
Journal
Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle
Modell / Stichprobe
Systematische Übersicht und Meta-Analyse randomisierter, placebokontrollierter Studien (RCTs) mit NMN oder NR bei überwiegend älteren Erwachsenen; mittleres Alter der eingeschlossenen Kollektive 60,9 bis 83 Jahre. Pro Endpunkt gingen 2 bis 5 Studien in die gepoolte Auswertung ein (SMI: 3; Handgriffkraft: je 5; Ganggeschwindigkeit: 4; 5-maliger Aufstehtest: 2). Literatursuche in PubMed, Cochrane Library, Web of Science und Scopus.
Dosis im Versuch
Orale Supplementierung mit NMN bzw. NR gegen Placebo. Konkrete Tagesdosen und Interventionsdauern werden im Abstract nicht einheitlich berichtet; die Autoren fordern ausdrücklich weitere Forschung zur optimalen Dosierung. Angaben zu Dosis und Dauer sind daher nur der Volltextpublikation zu entnehmen.
Quelle
PMID 40275690 ↗  ·  DOI ↗

Zusammenfassung

Die Arbeit fasst randomisierte, placebokontrollierte Studien zu den NAD+-Vorstufen Nicotinamid-Mononukleotid (NMN) und Nicotinamid-Ribosid (NR) zusammen und prüft, ob eine Supplementierung Muskelmasse und Muskelfunktion bei älteren Menschen erhält oder verbessert. Primäre gepoolte Endpunkte waren Skelettmuskelindex (SMI), Handgriffkraft (HGS) und Ganggeschwindigkeit; weitere Endpunkte (5-maliger Aufstehtest, SPPB, Timed-up-and-go, 6-Minuten-Gehstrecke, Bein- und Brustpresse bei 80 % 1RM, Oberschenkelmuskelmasse) wurden narrativ ausgewertet. Verwendet wurde ein Random-Effects-Modell.

Das Ergebnis ist durchgehend negativ beziehungsweise ein Nullbefund: NMN zeigte bei keinem der gepoolten Endpunkte einen signifikanten Vorteil gegenüber Placebo. Auch die narrative Synthese ergab keine Verbesserung von Kniestreckkraft, SPPB oder Oberschenkelmuskelmasse. Für NR war die Datenlage uneinheitlich: In einer Population mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit war NR mit einer längeren 6-Minuten-Gehstrecke assoziiert, bei Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung dagegen mit schlechteren SPPB-Werten und einem langsameren 5-maligen Aufstehtest, also mit einem potenziell ungünstigen Effekt.

Die Autoren schließen, dass die derzeitige Evidenz eine NMN- oder NR-Supplementierung zum Erhalt von Muskelmasse und Muskelfunktion bei Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter über 60 Jahren nicht stützt. Künftige Studien sollten Dosierung, ein etwaiges NAD+-Ausgangsdefizit sowie Kombinationsinterventionen (etwa mit Training oder Protein) untersuchen.

Kernergebnisse

  1. Skelettmuskelindex (SMI) unter NMN: MD -0,42 (95 % KI -0,99 bis 0,14; I² = 63 %; p = 0,14) aus 3 Studien - kein signifikanter Effekt, numerisch sogar zuungunsten von NMN, mit erheblicher Heterogenität.
  2. Handgriffkraft unter NMN: links MD 0,61 (95 % KI -0,89 bis 2,10; I² = 0 %; p = 0,42), rechts MD 0,45 (95 % KI -1,06 bis 1,96; I² = 0 %; p = 0,56), je 5 Studien - kein Effekt, konsistent über die Studien hinweg.
  3. Ganggeschwindigkeit unter NMN: MD -0,01 (95 % KI -0,08 bis 0,06; I² = 0 %; p = 0,79) aus 4 Studien - kein Effekt.
  4. 5-maliger Aufstehtest unter NMN: MD -0,21 (95 % KI -0,70 bis 0,29; I² = 11 %; p = 0,41) aus 2 Studien - kein signifikanter Effekt; ebenso keine Verbesserung von Kniestreckkraft, SPPB oder Oberschenkelmuskelmasse in der narrativen Synthese.
  5. NR: längere 6-Minuten-Gehstrecke bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit, aber schlechtere SPPB-Scores und langsamerer 5-maliger Aufstehtest bei leichter kognitiver Beeinträchtigung - inkonsistent, teilweise ungünstig.
Limitationen

Die Zahl der einschließbaren RCTs ist klein (je Endpunkt nur 2 bis 5 Studien), die Stichproben sind entsprechend begrenzt, sodass die Analysen für kleine bis moderate Effekte statistisch untermächtig sein dürften. Die eingeschlossenen Populationen sind heterogen (gesunde Ältere, periphere arterielle Verschlusskrankheit, leichte kognitive Beeinträchtigung), ebenso Dosierungen und Interventionsdauern, die im Abstract nicht standardisiert berichtet werden; für SMI lag mit I² = 63 % substanzielle Heterogenität vor. Die Ergebnisse zu NR beruhen auf einzelnen Studien in Spezialkollektiven und sind nicht gepoolt, also nur narrativ und wenig belastbar. Unklar bleibt zudem, ob die Teilnehmenden überhaupt ein NAD+-Defizit aufwiesen - ein möglicher Grund für ausbleibende Effekte. Die Autorengruppe ist akademisch (u. a. Liverpool, Southampton, Istanbul, Arkansas); Angaben zu Finanzierung und Interessenkonflikten sind dem Volltext zu entnehmen und wurden hier nicht geprüft.

Was heißt das praktisch

Wer NMN oder NR primär zur Erhaltung von Muskelmasse, Kraft oder Gehfähigkeit im Alter einsetzen will, findet in der bisher besten zusammenfassenden Evidenz keine Unterstützung dafür - die Effekte sind durchweg nicht signifikant und teils sogar numerisch ungünstig. Mögliche andere NAD+-bezogene Effekte werden dadurch nicht widerlegt, aber die Muskel-Indikation gilt nach aktueller Datenlage als nicht belegt; Training und ausreichende Proteinzufuhr bleiben die etablierten Maßnahmen.