Studie · Humanstudie (RCT)
Delta sleep-inducing peptide alters bispectral index, the electroencephalogram and heart rate variability when used as an adjunct to isoflurane anaesthesia
Stärkste Evidenzstufe hier
Zusammenfassung
Die Arbeitsgruppe um Pomfrett prüfte die Hypothese, dass DSIP – ein endogenes Peptid, das die Blut-Hirn-Schranke passiert und namensgebend mit verstärktem EEG-Delta-Rhythmus im natürlichen Schlaf verknüpft ist – die Wirkung einer volatilen Anästhesie vertiefen könnte. 24 Patientinnen wurden randomisiert auf Kochsalzlösung oder DSIP in drei intravenösen Dosisstufen (25, 50, 100 nmol/kg). Die Substanz wurde sowohl im Wachzustand als auch nach Einleitung mit Propofol und unter Isofluran-Erhaltung gegeben. Endpunkte waren Bispektralindex (BIS) als Maß der Narkosetiefe, quantitatives EEG (unter anderem Delta-Leistung, Burst-Suppression, Symmetrie zwischen den Hemisphären) sowie Herzfrequenz und Herzratenvariabilität (HRV) als Maß der autonomen Balance.
Das Ergebnis widersprach der Ausgangshypothese. DSIP erhöhte die Herzfrequenz signifikant und senkte die HRV, was die Autoren als Reduktion des parasympathischen Tonus interpretieren. Im EEG kam es paradoxerweise zu einer signifikanten Abnahme des Delta-Rhythmus statt der erwarteten Zunahme. Gleichzeitig verringerte sich unter der niedrigsten Dosis (25 nmol/kg) die Burst-Suppression und der BIS stieg an – beides Zeichen einer flacheren, nicht tieferen Narkose. Zusätzlich veränderte DSIP die EEG-Symmetrie zwischen den Hemisphären.
Die Autoren schließen daraus, dass DSIP unter Isofluran-Anästhesie die Narkose eher aufhellt als vertieft und dabei sympathikoton wirkt. Als Anästhesie-Adjuvans ist die Substanz damit in dieser Untersuchung gescheitert; die Studie ist ein klar negatives Ergebnis in Bezug auf die ursprüngliche Fragestellung. Der Befund ist zugleich pharmakologisch aufschlussreich, weil er zeigt, dass die historische Namensgebung "Delta-Schlaf-induzierend" die tatsächliche akute zentralnervöse und autonome Wirkung beim Menschen nicht zuverlässig abbildet.
Kernergebnisse
Sehr kleine Stichprobe (n=24 insgesamt, damit nur etwa 6 Personen pro Dosisgruppe), ausschließlich weibliche Patientinnen, keine Aussage zu Männern. Die Studie untersuchte eine einmalige intravenöse Bolusgabe im speziellen Kontext einer laufenden Isofluran-/Propofol-Anästhesie – Übertragbarkeit auf Anwendungen bei wachen, gesunden Personen oder auf subkutane, wiederholte Gaben ist nicht gegeben. Endpunkte waren ausschließlich Surrogatparameter (BIS, EEG-Spektren, HRV), keine klinischen Ergebnisse wie Schlafqualität, Awareness oder Anästhetikaverbrauch als primäre Zielgröße. Die geringe Gruppengröße begrenzt zudem die Aussagekraft der Dosis-Wirkungs-Beziehung, insbesondere weil der deutlichste Effekt nur bei der niedrigsten Dosis auftrat, was auch Zufall sein kann. Angaben zu Sponsoring und Interessenkonflikten sind dem Abstract nicht zu entnehmen.
Für DSIP-Interessierte ist dies eine der wenigen kontrollierten Humanstudien – und sie fällt für die "Schlaf"-Erzählung negativ aus: Intravenöses DSIP senkte den Delta-Rhythmus, erhöhte die Herzfrequenz und verringerte die Herzratenvariabilität, wirkte also akut eher aktivierend als sedierend. Der Name des Peptids sollte nicht als Beleg für eine schlafanstoßende Wirkung beim Menschen missverstanden werden.